22 Sep 2026

Carthago Nova, der perfekte Hafen der (neuen) Neustadt

Abbildung 1: Vercingetorix, Anführer der Gallier, wirft seine Waffen Julius Caesar zu Füßen. 1

 

Bei der Entstehung des Stadtstaates Rom wurde schnell deutlich, wie groß der Expansionsdrang dieser neuen Macht sein würde. Zunächst breitete sich Rom auf dem Landweg aus. Die Römer waren von Natur aus keine besonders erfahrenen Seefahrer2. Das Meer war unbekannt, unberechenbar und daher gefährlich, weshalb die Legionen auf dem Landweg in den Süden und Norden Italiens zogen, um die dort lebenden Völker in ihren Einflussbereich zu bringen. Im Laufe der Zeit wurde dieser sogar bis nach Nordeuropa ausgedehnt.
Der Erfolg dieses Landheeres hatte unter anderem zur Folge, dass auch die Einwohnerzahl Roms explosionsartig wuchs. Damit stieg der Bedarf an Getränken und Lebensmitteln, Baumaterialien und allerlei Luxusgütern, die in Rom nicht oder kaum erhältlich waren. Aus praktischen und wirtschaftlichen Gründen mussten diese aus den eroberten Gebieten herangeschafft werden. Um 300 v. Chr. wuchs beim sich immer weiter ausdehnenden Römischen Reich das Bedürfnis, auch auf dem Seeweg größeren Einfluss zu gewinnen. Schließlich war die gesamte Halbinsel vom Wasser des Mittelmeeres umgeben, das von den Römern schon bald als Mare Nostrum, Unser Meer, bezeichnet wurde.

Die Punischen Kriege

Abbildung 2: Phönizische Handelsrouten zu ihren Kolonien

Allerdings gab es ein kleines Problem. Auf der anderen Seite des Mittelmeeres befand sich ein wesentlich älterer Stadtstaat, der bereits seit Jahren die Vorherrschaft im Mittelmeer innehatte: die Phönizier aus Tyros im heutigen Libanon3. Diese Phönizier, von den Römern Punier genannt, hatten bereits zahlreiche Städte mit Häfen gegründet, von denen aus sie im gesamten Mittelmeerraum Handel trieben (siehe Abbildung 2).

Eine der bedeutendsten dieser Städte war Qart Hadasht, was „Neue Stadt“ bedeutet. Diese Stadt im heutigen Tunesien wurde von den Römern Karthago4 genannt. Von dort aus gründete der Phönizier Hasdrubal der Schöne 228 v. Chr. auf der Iberischen Halbinsel eine zweite Kolonie gleichen Namens an der Stelle, an der bereits seit Jahrhunderten die alte Hafenstadt Mastia5 gelegen haben soll. Diese Stadt verfügte über einen der besten Häfen des westlichen Mittelmeerraums.
Nach dem Tod Hasdrubals wurde sein Neffe Hannibal Oberbefehlshaber der karthagischen Streitkräfte in Hispanien. Er stellte ein großes Heer auf und ließ entlang der Küste eine Reihe von Wachtürmen errichten. Karthago gewann dadurch erheblich an Macht. Es liegt auf der Hand, dass die Römer, die dieselben Interessen wie die Phönizier verfolgten, dies als Bedrohung ansahen und mit ihnen in Konflikt gerieten. Der daraus entbrannte Kampf mündete in drei Kriege, die als Punische Kriege bekannt sind und, wie wir sehen werden, schließlich von den Römern gewonnen wurden.

Abbildung 3: Römisches Kriegsschiff mit Corvus

Der Erste Punische Krieg
Der erste Krieg brach aus, nachdem die Römer ein Heer auf die Insel Sizilien geschickt hatten, wo die Phönizier das Sagen hatten. Dieser Krieg dauerte von 264 bis 241 v. Chr.
Wie bereits erwähnt, waren die Römer im Gegensatz zu den Phöniziern ursprünglich kein Seefahrervolk und besaßen daher kaum Erfahrung in der Seekriegsführung.
Was sie jedoch besaßen, war eine große Innovationskraft. Waren die Phönizier zu Beginn der Kämpfe noch überlegen, so bestimmten im Laufe der Zeit neue römische Erfindungen wie große Schiffe mit beweglichen Enterbrücken (dem Corvus)6 den Kampf.
Schließlich gewannen die Römer diesen Krieg; Sizilien wurde die erste römische Provinz, und es wurden Vereinbarungen darüber getroffen, welcher Teil der Iberischen Halbinsel unter römischem und welcher weiterhin unter karthagischem Einfluss stehen sollte. Das Gebiet südlich des Ebro blieb im Einflussbereich Karthagos, das Gebiet nördlich des Flusses in dem der Römer. Diese Aufteilung wurde später zum Anlass für einen neuen Krieg.

Der Zweite Punische Krieg (218–201 v. Chr.)

Abbildung 4: Karte von Rom und Karthago zu Beginn des Zweiten Punischen Krieges7.

Der Zweite Punische Krieg spielte sich hauptsächlich auf dem Festland der Italienischen und Iberischen Halbinsel ab. Er begann mit dem Bündnis, das die Römer mit der spanischen Stadt Saguntum schlossen, die südlich des Ebro lag und somit zu Karthago gehörte.
Der karthagische Feldherr Hannibal Barkas nahm dies nicht hin und belagerte die Stadt. Saguntum bat daraufhin Rom um Hilfe, das von Hannibal verlangte, die Stadt in Ruhe zu lassen. Hannibal nahm die Stadt dennoch ein, woraufhin Rom Karthago den Krieg erklärte. Daraufhin beschloss Hannibal, zunächst selbst das Römische Reich anzugreifen.
Da die karthagische Flotte während des ersten Krieges nahezu vollständig zerstört worden war, musste er Rom auf dem Landweg erreichen. Als Erstes unterwarf er die Völker zwischen dem Ebro und den Pyrenäen, die im römischen Einflussbereich lebten. Nach heftigen Kämpfen gelang ihm dies, und nach Polybios8 zog er mit 50.000 Infanteristen, 9.000 Reitern und 40 Elefanten über die Alpen auf die Italienische Halbinsel und fügte den Römern jahrelang schwere Niederlagen zu. 

Abbildung 5: Hannibal zieht in Richtung Rom9

Den Römern gelang es jedoch zu verhindern, dass Rom selbst angegriffen wurde, und sie gingen zur Gegenoffensive über.
Der römische Heerführer Gnaeus Cornelius Scipio Calvus wurde auf die Iberische Halbinsel geschickt, um gegen die dort noch vorhandenen karthagischen Truppen zu kämpfen und Hannibal so vom Nachschub aus seinem Heimathafen abzuschneiden.
An einem strategisch günstigen Punkt im Norden baute er einen kleinen Hafen für seine Schiffe aus und stationierte seine Männer in der Hafenstadt, die von den Römern Tarraco (das heutige Tarragona) genannt wurde10. Die Römer sollten dort für immer bleiben.
Inzwischen rückte auch ein römisches Heer in Nordafrika vor, um gemeinsam mit den Numidern die Mutterstadt Karthago zu belagern. Hannibal war dadurch gezwungen zurückzukehren, um seine Mutterstadt zu verteidigen, wurde jedoch in der Schlacht von Zama11 besiegt. Karthago war als ernsthafter Rivale Roms ausgeschaltet und Hannibal wurde verbannt.

 Der Dritte Punische Krieg (149–146 v. Chr.)

Abbildung 6: Seeschlacht während des Punischen Krieges12.

In diesem Krieg wollte Rom endgültig mit den Phöniziern abrechnen. Das ursprüngliche Karthago in Nordafrika wurde nach dreijähriger Belagerung eingenommen, und der Wunsch des römischen Politikers Cato des Älteren (234–149 v. Chr.) „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss) ging in Erfüllung. Karthago wurde von Scipios Enkel Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus minor vollständig zerstört. Die überlebenden Einwohner wurden als Sklaven verkauft.

Carthago Nova
Nach der Eroberung im Jahr 209 v. Chr. durch den römischen Feldherrn Scipio Africanus nannten die Römer die spanische Stadt Carthago Nova (also eigentlich das neue Neue Karthago), um sie von der Mutterstadt zu unterscheiden.

Abbildung 7: Karte von Karthago zu Beginn des Zweiten Punischen Krieges14.

Julius Caesar verlieh der Stadt latinisches Recht, und Octavian benannte Carthago Nova zu seiner eigenen Ehre und seinem Ruhm in „Colonia Victrix Iulia Nova Carthago“ oder „Colonia Urbs Iulia Nova Carthago“ (C.V.I.N.C.) um. Der Titel Urbs war ein Titel, den in Hispanien nur Carthago Nova und Tarraco trugen.
Der römische Geschichtsschreiber Titus Livius (59 v. Chr.–17 n. Chr.) schrieb:
„Potiemur praeterea cum pulcherrima opulentissimaque urbe tum opportunissima portu egregio unde terra marique quae belli usus poscunt suppeditentur; quae cum magna ipsi habebimus tum dempserimus hostibus multo maiora... huc rectus ex Africa cursus est; haec una inter Pyrenaeum et Gades statio; hinc omni Hispaniae imminet Africa“ 13 (Übersetzung: Wir werden zudem eine Stadt besetzen, die nicht nur schön und reich, sondern wegen ihres ausgezeichneten Hafens auch äußerst nützlich ist, sodass wir hier zu Land und zu Wasser alles haben werden, was wir für den Krieg benötigen. Wir werden viel besitzen, doch der Schaden für den Feind wird noch weit größer sein. Dies ist seine Festung, dies ist seine Kornkammer, seine Schatzkammer, seine Waffenkammer, sein Lager für alles; dies ist sein direkter Weg aus Afrika; dies ist sein Anlaufhafen zwischen Gades und den Pyrenäen; von hier aus bedroht Afrika ganz Spanien.)

In römischer Zeit war die Stadt auch für ihre Silberminen, die Herstellung der Fischsauce Garum und das dort vorkommende Espartogras15 bekannt. Im Jahr 298 n. Chr. wurde die Stadt deshalb nach dieser Grasart Carthago Spartaria genannt und zur Hauptstadt der von Kaiser Diokletian geschaffenen neuen Provinz Carthaginensis.
Carthago Nova gehörte nun zu Hispania Citerior und wurde unter anderem vom griechischen Geografen Strabon (64–24 v. Chr.) als einer der wichtigsten Häfen im westlichen Mittelmeerraum bezeichnet. Dies und das Vorhandensein der Minen zogen zahlreiche Römer und Italiker an, und die Stadt musste darauf vorbereitet werden.
Unter Augustus wurde mit der Stadtstruktur der republikanischen Epoche gebrochen. Große Gebäude entstanden, um Glanz und Pracht des Kaiserreichs zu zeigen. Eines der Bauwerke, das die politische und kulturelle Atmosphäre im kaiserlichen Carthago Nova am besten widerspiegelt, war das Theater am Westhang des Monte de la Concepción. Es zeichnete sich durch die Vollkommenheit der Projektausführung, die Qualität und Menge der ornamentalen Elemente sowie durch das vollständige epigrafische Programm aus, anhand dessen sich der Bau des Gebäudes auf das 1. Jahrhundert v. Chr. datieren lässt.

Abbildung 8: Künstlerische Darstellung des römischen Theaters von Carthago Nova.

 

Abbildung 9: Das römische Carthago Nova, etwa im 1.–2. Jahrhundert n. Chr.


DER HAFEN
Der strategisch gelegene Hafen von Carthago Nova war einer der begehrtesten Verteidigungshäfen im westlichen Mittelmeer. Seine Bedeutung wurde durch das Vorhandensein von Silberminen in unmittelbarer Umgebung noch verstärkt. Der griechische Historiker, Geograf und Philosoph Strabon16 beschreibt in seiner „Geographia“, was sein griechischer Kollege Polybios17 in seinem Werk „Historien“ (Ἱστορίαι / Historíai) darüber schrieb:
„Polybios erwähnt die Silberminen von Neu-Karthago und sagt, dass sie sehr ausgedehnt seien; dass sie etwa zwanzig Stadien18 von der Stadt entfernt lägen und eine Fläche mit einem Umfang von vierhundert Stadien einnähmen; und dass dort vierzigtausend Arbeiter beschäftigt seien, die (zu seiner Zeit) der römischen Staatskasse einen täglichen Ertrag von fünfundzwanzigtausend Drachmen einbrächten.“
Die Gebirgsketten, die im westlichen Teil dieser Region ins Meer auslaufen, verleihen der Küste einen unregelmäßigen Verlauf und bilden hier und da kleine und große Buchten, natürliche Häfen, die sich als Ankerplätze eignen.
Einer der besten Standorte für einen Hafen an dieser Küste ist der von Carthago Nova.
Das tiefe Hafenbecken, flankiert von Erhebungen im Osten (max. 280 m) und im Westen (max. 205 m), die wie echte Wachtürme wirken, ist mit den beiden Bergspitzen im Osten und Westen, welche die Mündung markieren, praktisch von allen Seiten gegen den vorherrschenden Wind geschützt. Diese beiden bilden einen schmalen, etwa 900 m langen Korridor, der am Anfang auf 720 m begrenzt ist und sich allmählich bis auf 1.400 m in der Mitte der etwa 1.850 m langen Bucht verbreitert. Das städtische Zentrum wurde auf einer kleinen Halbinsel errichtet, die im Osten durch eine schmale Landenge mit dem Festland verbunden ist. Die Außenseite dieses Zentrums wurde von fünf Hügeln begrenzt. Im Süden blickt der größte und höchste Hügel (65,56 m) auf das Mittelmeer und den Hafen und war daher in der Geschichte von großer strategischer Bedeutung.
Auf dem Gipfel eines der Hügel stand Polybios zufolge ein Tempel, der Äskulap, dem Gott der Heilkunst, geweiht war19.

Abbildung 10: Panorama über den Hafen von Carthago Nova und das Mittelmeer.

Zu Beginn der Kaiserzeit wurde neben dem bereits erwähnten Theater am Westhang auch am Osthang ein neues Amphitheater auf einem Theater aus republikanischer Zeit errichtet. Die verschiedenen antiken Quellen lassen daran keinen Zweifel:
Livius schreibt: „nauali alia materia ad classem aediicandam“ (es verfügt über Werften mit Einrichtungen für den Schiffbau)20. Weiterhin sagt Livius, dass es „…die einzige statio (Reede) zwischen den Pyrenäen und Cádiz“ sei 21, und Polybios meinte, dass „…es der einzige Hafen war, der eine Flotte aufnehmen konnte“ 22.
Vor der Mündung soll eine kleine Insel gelegen haben, die den Hafen vor den Wellen schützte23.
Die natürliche Meeresbucht bei Cartagena wird bis heute als Seehafen genutzt und wurde daher in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder nach Bedarf umgebaut und erneuert. Darüber hinaus lagerten sich, wie Forschungen im Laufe der Jahre gezeigt haben24, bereits seit der Zeit der Römischen Republik große Mengen vom Meer eingetragenen Sediments ab. Es zeigte sich, dass sich im Zeitraum von 40 v. Chr. bis 150 n. Chr. bereits Sedimente über dem Meeresspiegel oder nur 15 cm darunter befanden. Diese fortschreitende Versandung führte zu einer natürlichen Verschiebung der Küstenlinie seewärts. Ein großer Teil des Hafenbeckens wurde deshalb im Laufe der Jahrhunderte deutlich kleiner, und die Stadt wurde auf diesem Neuland erweitert (siehe Abbildung 11).
Die alten Hafenanlagen liegen fast vollständig unter dem bebauten „Neuland“. Spuren sind daher nur selten zu finden und müssen auf dem Grund des Hafenbeckens und vor allem unter der genannten neueren Bebauung gesucht werden.
Das Hafenbecken blieb jedoch schiffbar und zum Ankern nahezu aller Schiffstypen geeignet.

Abbildung 11: Hafen von Carthago Nova in römischer Zeit. (Die rote Linie zeigt den heutigen Umriss des Hafens)25.

Alles in allem können wir heute anhand unter anderem umfassender Tiefenuntersuchungen des Bodens sowie verschiedener Spuren und vor allem Wracks den antiken Hafen und die möglichen Ankerplätze mit großer Sicherheit rekonstruieren.

Die archäologischen Funde:
Schon vor einigen Jahrhunderten machten Enthusiasten und lokale Gelehrte archäologische Funde, die in der „unterirdischen Stadt“ von Cartagena erhalten geblieben waren. Darunter befanden sich auch Funde, die für die Archäologie des Hafens wichtig waren. Zusammen mit Beschreibungen aus alten Schriften liefern sie einen Schatz an Informationen über den klassischen Hafen.
Seit 2012 hat das sogenannte Arqueotopos-Projekt ermöglicht, die paläotopografische26 Entwicklung der Stadt und des Hafens in verschiedenen Phasen zu rekonstruieren.  

Abbildung 12: Die als La Laja del Puerto bekannte Erhebung27.

So wurde beispielsweise eine Struktur aus opus caementicium28 gefunden, die auf der Laja del Puerto errichtet worden war und über die es in alten Dokumenten heißt: „Es scheint, dass sie aus Mörtel derselben Werkstatt hergestellt wurden wie der des Kolosseums jener Stadt“.29 Diese kegelförmige Kalksteinbank in der Mitte des Hafens liegt 0,6 Meter unter der Wasseroberfläche und reicht bis zum Grund in 10,05 Metern Tiefe. Ihre Oberfläche beträgt 610 m2, ihre Basis 77 x 56 Meter, und sie ist Seeleuten seit Menschengedenken bekannt. Also auch schon in der Antike. Dort fand man Reste von Mörtel und caementicium, die aufgrund ihrer Bauweise und Verzierung in die römisch-republikanische Zeit datiert werden.
Wahrscheinlich gehören die gefundenen Konstruktionen zum Fundament eines Leucht- oder Wachturms. Rund um die kleine Insel wurden verschiedene punische und römische Wracks sowie Ladungen von Zinn, Blei und Stoßzähnen gefunden.

Abbildung 13: Fresko des Hafens von Puteoli (1. Jahrhundert n. Chr.)

Heute ist sie aufgrund von Hafenarbeiten mit einem modernen Leuchtturm nicht mehr sichtbar.
Ferner wurden Reste möglicher Fischerei- oder Fischzuchtanlagen im Gebiet Santa Lucía, Hafenbodenkontexte im Arsenalgebiet, alte Boote und sogar hafenähnliche Konstruktionen an der Küste der Calle Mayor gefunden.
Auch epigrafische Quellen bilden eine wichtige Grundlage für das Wissen über die maritime Kulturlandschaft. Sie geben nicht nur Auskunft über Berufe und Tätigkeiten wie die collegia, sondern auch über Hafen- oder Lagerinfrastruktur.

Inschrift CIL I 2271 – CIL II 3434

 

 

 

 

 

 

Die Inschrift CIL I 2271–CIL II 3434 verweist beispielsweise auf ein collegium aus Freigelassenen und Bediensteten, die für die Errichtung eines ex caemento-Bauwerks verantwortlich waren, bestehend aus pillas III et fundament(a) ex caement(o)faci(undas)30. Möglicherweise steht dieser letzte Zusatz im Zusammenhang mit einer Hafenanlage vom Typ eines Wellenbrechers oder eines opus pilarum-Docks, wie es in Puteoli (Italien) zu sehen ist (siehe Abbildung 13). · 

PVVPIVS · M(arci) · (ibertus)
SEX(tus) · LVVCIVS
SEX(ti) · L(ibertus) · GAE‚P(—-)
M(arcus) · PROSIVS · `M(arci) (ibertus)c
N(umerius) · TITIVS · L(uci) · L(ibertus) · NV(—-)
C(aius) · VEREIVS · `MA (rci) (ibertus)c
ANTIOC(us) · BR`VTc I · [ S(ervus)]
EL(euterus?) · TERENTI · C(ai) · S(ervus)
PILEMO · ALEIDI L(uci) · (ervus)
ALEX(ander) · TITINI · L(uci) · S(ervus) ‚
ACERD(o?) · S`APc O(ni?) · M(arci) · (ervus)
MAG(istreis) · PILAS · III · ET ·
FUNDAME`NTc (a) · EX
CAEME`NT (o) ·FACI(unda) C.O.E.R.A.V.E.R.E (?)   

Abbildung 15: Die genannten Fundorte der verschiedenen Funde

Der Großteil der Funde befindet sich entlang der Achse der Hauptstraße, der Calle Mayor. Es ist das einzige Gebiet mit einer breiten, niedrig gelegenen Fläche, auf der eine einfache Verbindung zwischen dem maritimen und dem städtischen Raum möglich war.
In der Südwestecke der Stadt befindet sich der Rathausplatz, die Plaza del Ayuntamiento. Dies war einer der wichtigsten Bereiche des antiken Hafens. Ursprünglich befanden sich hier punische Lagerhäuser, die nach der römischen Eroberung abgerissen und durch neue Gebäude ersetzt wurden. Diese waren nun auf das nicht mehr bestehende westliche Mandarache-Meer, den wichtigsten Ankerplatz, ausgerichtet (siehe Abbildung 11). Diese Küste scheint mit einer Front aus Säulengängen toskanischer Ordnung monumental gestaltet worden zu sein, die Zugang zu neuen Lagerstrukturen ermöglicht haben könnte, wie sie am Standort des Pascual-Riquelme-Palastes31 oder in dessen Umgebung32 gefunden wurden. In diesem Gebiet wurde auch ein lacus (kleiner See) angelegt, der mit einem Aquädukt und einer natürlichen Wasserquelle verbunden war und die wichtigste Trinkwasserversorgung des Hafens darstellte.
Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass wahrscheinlich bereits seit punischer Zeit eine tiefe Bucht in Richtung der Altstadt bestand, in der sich auch einige horrea (Lagerhäuser) aus der Mitte der 50er-Jahre v. Chr. befanden, die in der Kaiserzeit wiederverwendet wurden33.

Abbildung 16: Sandsteinkai mit Kalksteinsockeln34.

In der bereits erwähnten Hauptstraße Calle Mayor 21–22 wurden unter der Leitung des Archäologen Francisco Fernández Matallana Überreste eines Sandsteinkais mit Zugankern aus caementicium gefunden. Etwa fünf Meter vom Rand des Hafenbeckens entfernt, in Richtung Innenstadt, befinden sich die Kalksteinsockel der Hafenlagerhäuser (siehe Abbildung 16). Wahrscheinlich stammen diese Funde aus der späten Republik und weisen Reparaturen aus der Zeit Neros auf.
Dieses große Dock scheint parallel zu einem Teil der Hauptstraße zu verlaufen und steht in enger Verbindung mit einem großen republikanischen Lagergebiet mit Portiken an der heutigen Plaza de San Sebastián35. Dieser große Platz ist einerseits mit dem Stadttor in Richtung Baetica, andererseits mit dem Decumanus Maximus in Richtung Forum und im Süden mit dem Hafen verbunden.
Auf dem Cerro del Molinete wurden Konstruktionen gefunden, bei denen es sich vermutlich um Dolia-Lagerhäuser36, Brennöfen und verschiedene Werkstätten handelte, die auf ein bedeutendes Industriegebiet hinweisen37.

 

Epilog
Aus den verschiedenen Artikeln, die wir konsultiert haben, geht hervor, dass die Betriebsamkeit in den alten Häfen von Carthago Nova enorm gewesen sein muss. Nicht nur wegen der großen Handelsinteressen im Mittelmeer, sondern auch als Heimathafen für verschiedene Militärschiffe. Dennoch sind die visuellen Belege dafür recht spärlich.
Die eigentliche Forschung kommt erst allmählich in Gang, leider mit Höhen und Tiefen. Es wird noch viel Wasser durch die Hafeneinfahrt fließen, bevor wir ein wesentlich vollständigeres Bild von der Funktionsweise dieser Meeresbucht bei Cartagena als römischem Hafen erhalten. Wir haben jedenfalls vollstes Vertrauen darin, dass die spanischen Archäologen in absehbarer Zeit den Schleier lüften und uns mehr über das Leben und Treiben in diesem spektakulären Hafen der Antike berichten können (Redaktion).  

  

  • Quellen
  • - Felipe Cerezo-Andreo: Los puertos antiguos de Carthago Nova, nuevos datos desde la arqueología marítima y geoarqueología portuaria
  • - Wikipedia
  • - Integra: Historia de Cartagena
  • - Eloy Andrés Gómez Motos: Trabajo sobre recursos en Carthago nova (pec1)
  • - Sebastián F. Ramallo Asensio, Miguel Martínez Andreu: El puerto de Carthago Nova: eje de vertebración de la actividad comercial en el sureste de la Península Ibérica
  • - CTA: Cartagena Actualidad
  • - Arthur de Graauw

  • Anmerkungen
  •   1: Lionel Noel Royer, 1899. Musée CROZATIER du Puy-en-Velay
  •   2: Siehe auch  Winterschifffahrt
  •   3: Siehe auch Tyros – Geburtsort Europas
  •   4: Siehe auch Karthago
  •   5: Mastia oder Massia: Die erste Beschreibung dieser Stadt der Tartessier stammt aus einem Gedicht des römischen Dichters Rufius Festus Avienius (1. Jahrhundert n. Chr.) mit dem Titel Ora Maritima (Meeresküste): ... dann folgt der Hafen des Namnatius, der sich vom Meer aus in einer Bucht nahe der Stadt Massienos erstreckt, und am Ende des Golfes ragen die hohen Mauern der Stadt Massiena empor ...
  •   6: Römische Enterbrücke: erstmals während der Punischen Kriege eingesetzt.
  •   7: William Robert Shepherd 1923
  •   8: Griechischer Historiker, 208–118 v. Chr.; Historiae
  •   9: Jacopo Ripanda – Palazzo dei Conservatori, Musei Capitolini, Rom 2016
  • 10: Siehe auch: Tarragona
  • 11: Die Schlacht fand am 19. Oktober 202 v. Chr. nahe dem Ort Zama Regia (dem heutigen Siliana in Tunesien), unweit von Karthago, statt.
  • 12: Radierung aus dem Jahr 1852: History-maps.com
  • 13: Titus Livius, XXVI, 43
  • 14: Stadtplan von Carthago Nova, José G. Carrasco Gómez, aufgenommen in Ramallo Asensio (2011)
  • 15: Espartogras: verwendet zur Herstellung von Seilen, Körben usw.
  • 16: Strabon, 64 v. Chr.–24 n. Chr.
  • 17: Polybios, 203–103 v. Chr.
  • 18: Griechische Währung: ein Stadion entspricht ungefähr 180 m
  • 19: Polybios: X, 10, 11
  • 20: Titus Livius: Liv.26.47
  • 21: Titus Livius: Liv.26.43, 8
  • 22: Polybios: X, 8, 2
  • 23: Ramallo Asensio und Martínez Andreu, 2010.
  • 24: Felipe Cerezo-Andreo: El puerto de Carthago Nova: eje de vertebración de la actividad comercial en el sureste de la Península Ibérica.
  • 25: Stadtplan: Felipe Cerezo-Andreo
  • 26: Paläotopografie: Form und Höhenunterschiede der Landschaft in einer bestimmten geologischen Vergangenheit.
  • 27: Zeichnung La Laja: CTA Cartagena Actualidad
  • 28: Opus caementicium: römischer Beton, ein widerstandsfähiger Baustoff, den die Römer seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. in großem Umfang einsetzten und der seewasserbeständig ist.
  • 29: Munuera Navarro, 2010, 618).
  • 30: Ramallo Asensio und Abascal Palazón, 1997, 71–77
  • 31: Ramallo Asensio et al., 2007
  • 32: San Martín, 1985
  • 33: Ramallo Asensio und Vizcaíno Sánchez, 2011, 225–230
  • 34: Foto: Felipe Cerezo-Andreo
  • 35: Ramallo Asensio, 1989, 88
  • 36: Dolia: Singular dolium; ein großer, bauchiger Tonkrug, der zur Herstellung und Lagerung von Wein und Lebensmitteln verwendet wurde.
  • 37: Martín Camino und Roldán Bernal, 1997; Egea Viváncos et al., 2006.

 

 

 

Schätzen Sie unsere Arbeit?

Bitte unterstützen Sie uns mit einer Spende

Werden Sie Mitglied
Neueste Artikel & Projekte

Carthago Nova, der perfekte Hafen der (neuen) Neustadt

Carthago Nova, der perfekte Hafen der (neuen) Neustadt

 

Nach dem Tod Hasdrubals wurde sein Neffe Hannibal Oberbefehlshaber der karthagischen Streitkräfte in Hispanien....

Weiterlesen ...

Isola Sacra Index (D)

Isola Sacra Index (D)

Sonderteil über den römischen Friedhof von Portus ....

Weiterlesen ...

Die wiederentdeckte Flotte von Pisa

Die wiederentdeckte Flotte von Pisa

 

1998 wurde in der Nähe des Bahnhofs Pisa San Rossore zufällig ein unglaubliches archäologisches Erbe entdeckt....

Weiterlesen ...

Leptiminus

Leptiminus

Am Standort des heutigen Lamta an der Ostküste Tunesiens gab es bereits in der Antike eine Hafenstadt namens Leptis Minor....

Weiterlesen ...

Römisches Seehandelsrecht

Römisches Seehandelsrecht

 

Das römische Recht ist das schönste Denkmal, das Rom Westeuropa hinterlassen hat.

Weiterlesen ...
Zuletste neuigkeiten

About Roman Ports

Amor and PsycheWe are committed to providing versions of our articles and interviews in several languages, but our first language is English.

Please become a member of the Facebook group, which is our main communication platform. There you can learn about upcoming events and items of interest, post your own photos, or share any stories or general questions you may have.

If you have specific questions about our organisation, questions about financial issues, if you would like to assist in the production of our online magazine, or if you have specific requests or ideas for content, use our contactform below. You can contact us in any language!