Videsne illam urbem, quae parere populo Romano coacta per me renovat pristina bella nec potest quiescere? 1
So blickte der römische Redner und Politiker Marcus Tullius Cicero im Jahr 54 v. Chr. auf die Zeit des alten Karthago zurück2.

KARTHAGO
Karthago wurde im 9. Jahrhundert v. Chr. an der nordafrikanischen Küste als phönizische Kolonie gegründet.
Der Legende nach4 war eine Prinzessin aus Tyros5 namens Dido oder Elisa mit einer großen Schar von Anhängern vor ihrem Bruder, König Pygmalion, geflohen. In einer Bucht im heutigen Tunesien angekommen, überredete sie den örtlichen Herrscher, den mauretanischen König Hiarbas, ihr so viel Land zu verkaufen, wie sie mit einer Rinderhaut abgrenzen könne. Dort sollten sich ihre Leute ausruhen können. Der König willigte ein, und Dido schnitt die Haut in hauchdünne Streifen, die sie aneinanderlegte. So umgrenzte sie ein beträchtliches Gebiet auf einem Hügel, den sie Byrsa nannte (möglicherweise nach dem phönizischen Wort brt für „Zitadelle“6 oder dem semitischen Wort bostra für „steiler Hang“7). Da das altgriechische Wort für Ochsenhaut (βυρσα) gleich klingt, liegt die Vermutung nahe, dass die Grundgeschichte der Legende vom Namen des Hügels abgeleitet wurde.

Eine andere Überlieferung besagt, dass der mauretanische9 Stammesführer Hiarbas mit dem König von Tyros über die Heirat seiner Tochter Dido verhandelte und dafür einige Gebäude anbot. Aus diesem Ort entstand Qart Hadašt, die „Neue Stadt“, also Karthago.
Karthago entwickelte sich zu einem der wohlhabendsten und mächtigsten Stadtstaaten am Mittelmeer und hatte bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. 400.000 Einwohner, einen beeindruckenden Hafen und eine ständige Kriegsflotte.
Im Laufe der Jahrhunderte, insbesondere als die ursprünglichen phönizischen Städte Tyros, Sidon und Byblos unter die Herrschaft anderer Völker gerieten, prägte Karthago zahlreiche umliegende Gebiete politisch und kulturell. Ein großer Teil der Bewohner des südlichen Teils der Iberischen Halbinsel, Sardiniens, Siziliens, der Balearen und Nordafrikas gehörte nach und nach zu seinem wirtschaftlichen Einflussbereich.

Um 300 v. Chr. besaß Rom ein deutlich kleineres Gebiet und eine wesentlich schwächere Wirtschaft als Karthago. Dennoch nahm es den Kampf gegen den viel größeren Konkurrenten auf und löste den größten kriegerischen Konflikt der Antike aus: die Punischen Kriege.
Rom führte drei Kriege gegen die Karthager. Im letzten, dem Dritten Punischen Krieg (149–146 v. Chr.), belagerten die Römer Karthago drei Jahre lang und besiegten die Stadt schließlich. Sie wurde bis auf ihre Ruinen zerstört und ihr Gebiet dem Römischen Reich einverleibt.
Nach dem Tod von Julius Caesar im Jahr 44 v. Chr. ließ Kaiser Augustus jedoch eine neue Stadt errichten, die ebenfalls Karthago hieß. Auch weil sich dort erneut viele „Punier“ niederließen, erlangte sie rasch wieder große Bedeutung.
Im Laufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. wuchs sie mit rund 500.000 Einwohnern11 sogar zur zweitgrößten Stadt der westlichen Hälfte des Römischen Reiches heran. Nur Rom selbst war mit etwa 800.000 Bewohnern größer.
Um 100 n. Chr. wurde das römische Amphitheater von Karthago errichtet, eines der eindrucksvollsten Theater der römischen Welt.

Die Stadt
Abbildung 5: Künstlerische Darstellung des römischen Karthago 13
Karthago liegt auf einer Halbinsel im Golf von Tunis. Dem griechischen Historiker Appian14 zufolge hatte die Stadt eine dreifache Mauer, deren einzelne Abschnitte jeweils 45 Fuß hoch und 30 Fuß breit waren, dazu Kasernen für 24.000 Mann und Stallungen für 4.000 Pferde und 300 Elefanten.
Neben verschiedenen kleineren Häfen beziehungsweise Ankerplätzen, auf die wir später eingehen, besaß Karthago zwei große künstlich angelegte Häfen zwischen der Halbinsel und dem Festland: einen Handelshafen und dahinter einen Militärhafen. Die Mündung des karthagischen Hafens lag nördlich des späteren römischen Zugangs und war laut Appian 20 Meter breit. Sie konnte mit einer großen Eisenkette verschlossen werden, sodass niemand mehr ein- oder ausfahren konnte.
Schiffe kamen aus allen Teilen des Mittelmeers sowie von den Atlantikküsten Afrikas, Spaniens, Frankreichs und sogar Englands.
Die Einfahrt zum römischen Hafen (siehe Abbildung 5) war schmal. Ein großer Wachturm überwachte die Häfen und das Meer. Appian schreibt, dass dort 220 Schiffe gleichzeitig anlegen konnten.
Gehandelt wurde mit königlichen purpurnen und blauen Farbstoffen aus Tyros, Zinn zur Bronzeherstellung, Silber, Gold, Holz, Wein, Kleidung, Töpferwaren, Teppichen, Schmuck, Lampen und vielen anderen Waren.
Die Häfen

Fast alle römischen Mittelmeerhäfen mit Ausnahme von Portus entwickelten sich zu Zentren des regionalen Seehandels, zu dem die Versorgung im Rahmen der römischen annona15 hinzukam.
Bereits im 19. Jahrhundert wurde Karthago erforscht, allerdings mit unterschiedlichem Erfolg.
Die erste detaillierte Karte von Karthago (siehe Abbildung 6) veröffentlichte 1833 der dänische Archäologe C. T. Falbe16.
Obwohl sich einen Kilometer südlich der Stadt eine große Lagune von etwa 40 km² (der heutige See von Tunis) mit einem niedrigen sandigen Küstenstreifen befand, der sie vor Wind und Meeresströmungen schützte, scheint sie in der Antike kaum als Naturhafen genutzt worden zu sein.
Einen Beleg dafür finden wir erneut bei Appian in seinem auf Polybios17 beruhenden Bericht über den Dritten Punischen Krieg. Über den See und den Sandstrand schreibt er: „Einer der römischen Konsuln, Censorinus18, hatte sein Lager am See unterhalb der feindlichen Stadtmauer aufgeschlagen, als seine Männer wegen der ungesunden Umgebung krank wurden. Er verlegte sein Lager an die Meeresküste.19“
Später errichtete Scipio Aemilianus20 südlich der Hafeneinfahrt einen Damm, um den Zugang zu den Häfen zu blockieren. Die Karthager reagierten darauf mit einer Öffnung auf der anderen Seite des Hafens, die direkt auf das offene Meer führte21.
Als sie nicht alle Schiffe durch diese Öffnung in den Hafen bringen konnten, machten sie sie an einem breiten Kai fest, der zum Entladen von Handelsschiffen errichtet worden war22. Daraus geht hervor, dass der wichtigste Hafen direkt mit dem offenen Meer verbunden war und der See somit keine Rolle spielte.

Fast sieben Jahrhunderte später, im Jahr 533 n. Chr., berichtet der griechische Historiker Prokopios von Caesarea23, dass der Hafen innerhalb der Stadtmauern (Mandrakion genannt) als zu klein für die 592 Schiffe umfassende Flotte des Feldherrn Belisar24 galt. Deshalb wählte man einen anderen Hafen namens Stagnum, etwa 40 Stadien (rund 7,4 km) von Karthago entfernt, wo reichlich Platz vorhanden war25. Stagnum war auch das Wort, mit dem lateinische Autoren den See bezeichneten. Der gleichnamige Hafen lag vermutlich an der natürlichen Öffnung im Sandstreifen.

Die gut dokumentierten Funde aus dem Bereich der deutschen Ausgrabungen an der Stadtküste (siehe „German excavation site“ in Abbildung 8) belegen, dass zwischen etwa dem 7. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. mehrere Dutzend Meter Land zum Meer hin hinzukamen.27 Diese Ausgrabungen rund um eine insula (einen Wohnblock) nördlich des Decumanus Maximus lagen nahe dem Zentrum der römischen Stadt. Angesichts der einheitlichen Geländehöhen von den Antoninus-Thermen bis zu den Häfen ist es wahrscheinlich, dass dieses Wachstumsmuster auch nach Südosten galt.
Die beiden künstlichen Häfen entstanden durch das Ausheben von Küstenablagerungen, vermutlich gegen Ende der Selbstständigkeit Karthagos in der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Wir kennen sie aus literarischen Quellen28 und aus archäologischen Zeugnissen ihrer Entwicklung von der punischen bis zur byzantinischen Zeit.
Während des Dritten Punischen Krieges (149–146 v. Chr.) war der innere, kreisförmige Hafen, die sogenannte Îlot de l’Amirauté (Admiralitätsinsel), ein Marinearsenal29, während der äußere „rechteckige“ Hafen laut Appian dem Handel diente. Archäologische Untersuchungen zeigen, dass es sich um ein beträchtliches Becken mit Kais handelte, das zwischen der seeseitigen Stadtmauer im Osten und dem Tophet (Heiligtum der Tanit) im Westen lag. Im Norden schloss es an den kreisförmigen Hafen an; die Einfahrt befand sich im Süden. Während der karthagischen Zeit lag diese Einfahrt, wie bereits erwähnt, nördlich des späteren römischen Zugangs. Letzterer wurde durch zwei steinerne Molen aus opus caementicium begrenzt (siehe Abbildung 14).

Eine neue Funktion für die Insel.
Während der römischen Herrschaft wurde die Îlot de l’Amirauté in einen von Säulengängen umgebenen Platz mit einem Tempel und einem achteckigen Gebäude in der Mitte umgestaltet. Das geschah vermutlich im 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr. Später kamen an den Säulengängen büroartige Räume hinzu, wie auch hinter dem Theater in Ostia.
In einem Brunnen im zentralen Bereich fand man dreißig Ostraka (beschriftete Tonscherben), die den Transport von Olivenöl durch den mensor olei (einen für den Öltransport zuständigen Beamten) erwähnen30:
POS(T) CONS(ULATU)S
MODESTO ET ARINTHEI
XIIII K(A)L(ENDAS) MART(IAS) FELIX MENSOR OLEI FOEI
KARTHAG(INIENSIS) SUSCEPIMUS PER NAV(I)C(U)LA(M)

Er hieß also Felix, und die Datierung lautet 372/373 n. Chr. Dies könnte auf eine Rolle des Hafens bei der annona hindeuten: Möglicherweise wurden hier Unterlagen erstellt und für Rom bestimmtes Olivenöl verschifft.
Bei Ausgrabungen auf der Nordseite des Hafens, nahe den Kais, wurde eine Reihe von Werkstätten aus dem 1. bis 7. Jahrhundert n. Chr. freigelegt. Sie scheinen teilweise mit der Tuchherstellung zusammenzuhängen. Aus den Überresten lässt sich auf einen Verbund verschiedener Handwerke schließen, der in der späten Kaiserzeit zunehmend zentral kontrolliert wurde31. Vielleicht fiel die Umgestaltung der Insel mit der Gründung der afrikanischen Getreideflotte, der Classis Commodiana, durch Kaiser Commodus und der Umbenennung Karthagos in Colonia Commodiana Togata im Jahr 186 n. Chr. zusammen.
Eine andere Erklärung besagt, dass die Insel als Marktplatz im Handelshafen diente, wo Waren im Zusammenhang mit der annona gehandelt wurden und die handwerkliche Produktion auf dem Hafengelände zunächst ebenfalls kommerziellen Zwecken diente32.
Das rechteckige Hafenbecken behielt seine Form aus punischer Zeit, wurde im Süden jedoch durch einen römischen Hafenzugang verändert. Die neuen römischen Molen boten mehr Platz zum Anlegen. Der südlichste Pier ragte ins Meer hinaus und schuf dort zusätzlichen Raum für Schiffe. Schon in der punischen Phase gab es an der Westseite ein 15 Meter breites Kaigelände, das in eine parallel zum Hafenbecken verlaufende Straße mündete. Westlich davon befand sich ein großer Tempelkomplex, der in römischer Zeit vermutlich Saturn, Venus und Caelestis geweiht war und das ursprüngliche punische Heiligtum der Tanit ersetzte.
Falbes Karte (Abbildung 6) zeigt an der Ostseite regelmäßige zellenartige Strukturen, die sich in einem schmalen Streifen entlang der gesamten Küste von den Antoninus-Thermen bis zur Hafeneinfahrt im Süden erstrecken. Solche Strukturen, die sich auch in anderen römischen Häfen wie Leptis Magna finden, werden gewöhnlich als Lagerhäuser oder Handelskontore gedeutet.

Obwohl diese Gebäude und die Fläche davor auf alten Karten Karthagos ebenfalls als römische Kais angesehen wurden33, ergibt sich dabei ein Problem, das Henri de Roquefeuil34 bereits 1899 bemerkte. Er entdeckte zwischen dem Meer und dem genannten Kai eine Ufermauer aus Steinen und schloss daraus, dass es sich nie um einen Anlegekai gehandelt haben könne: „Die behauenen Steine bildeten eine einfache, mit Schuttsteinen (blocages) gefüllte Barriere, die noch immer zu sehen war. Die verschiedenen Ornamente, die ich ringsum sah (behauene Steine, marmorne Säulenteile usw.), beweisen, dass dieser Kai eher zum Vergnügen als zu praktischen Zwecken errichtet wurde.“ 35 Andere Wissenschaftler widersprechen dieser Ansicht.

Ein anderer Forscher, Charles Saumagne36, vertrat daher, ausgehend von dem von ihm entdeckten Straßenplan Karthagos, die Vorstellung einer Uferpromenade mit einem Säulengang am äußeren Rand der vermuteten insulae. Auch diese Auffassung ist umstritten. Jedenfalls verhinderte die Ufermauer den Zugang zu den Kais vom Meer aus.
Ein weiteres chronologisches Indiz sind die Reste des sogenannten „Bloc de Neptune“, des Fundaments eines massiven Denkmals von 18 × 9 m, vermutlich eines Triumphbogens am Ende des Decumanus Maximus. Diese Stelle liegt genau gegenüber dem Byrsa-Hügel und war vielleicht der erste Landeplatz der Phönizier. Ein archaischer phönizischer Kai wäre hier denkbar. Viel später hätten die Römer dort diesen Betonblock als Fundament für ein Denkmal oder einen Bogen errichtet. Die Art des Betons deutet auf die Blütezeit des Kaiserreichs hin. Das wird durch Spuren einer hölzernen Verschalung im Fundament gestützt: Das Denkmal könnte nach der Methode Vitruvs37 im Meer erbaut worden sein.
Die Ufermauer verläuft auf beiden Seiten des Denkmals und biegt gewissermaßen darum herum (siehe Abbildung 9). Sie muss daher später zum Schutz des Landes vor dem Meer gebaut worden sein. Das Denkmal und die damit verbundenen zellenartigen Strukturen stammen folglich aus einer früheren Zeit und lagen ursprünglich direkt am Meer.
Wenn wir die zellenartigen Strukturen als seeseitige Kais betrachten, ergibt sich ein weiteres Problem. Der vorherrschende Wind bei Karthago kommt aus Nordwesten (siehe Ancient Ports Antique). Die Kais verlaufen von Nordost nach Südwest und boten Schiffen daher nur begrenzten Schutz. Dennoch gibt es schriftliche und archäologische Quellen, die für ihre Nutzung sprechen.
Die schriftliche Quelle ist wiederum Appian von Alexandria mit seinem Bericht über den römischen Sieg im Dritten Punischen Krieg. Er beschreibt den breiten Kai vor der Stadtmauer, an dem Händler ihre Waren entluden. Die Karthager bauten dort zu seinem Schutz ein Vorwerk. Da dieser äußere Kai von nordöstlichen Wellen getroffen werden konnte, könnte ihn Erosion unterspült haben, sodass er schließlich durch den Steinwall geschützt oder ersetzt werden musste.
Die zweite Verteidigungslinie aus Steinen (die „boulder seawall“ in Abbildung 8) fügten später die Römer hinzu. Dadurch konnte kein Schiff mehr den äußeren Kai erreichen; der Binnenhafen musste den gesamten Verkehr übernehmen.
Im Jahr 146 v. Chr. wurde um den Kai gekämpft. Scipios Soldaten nahmen ihn ein; er stellte dort 4.000 Mann auf und errichtete eigene Befestigungen38.
Der Entladeplatz war also kein einfacher Steg, sondern eine beachtliche Anlage. Angesichts der 4.000 dort stationierten Männer und der beiden Befestigungen liegt die Annahme nahe, dass es sich um den langen Seedeich handelte, auf dem später die römischen zellenartigen Gebäude errichtet wurden. Außerdem macht das durch deutsche Ausgrabungen belegte rasche Wachstum dieses Deichs einen Entladeplatz vor der Stadtmauer sehr wahrscheinlich39. Die mutmaßlichen karthagischen Entladeplätze am Hauptdeich stützen somit die Deutung römischer Kais und Gebäude an derselben Stelle.

Die Hafeneinfahrt
Ein solcher offener Kai wirft die Frage auf, wie die dort löschenden Schiffe geschützt wurden.
Für den nördlichen Küstenabschnitt dürfte dies ein großes Problem gewesen sein. Dort gab es keine Naturhäfen. Schiffe mussten am Kai anlegen oder weiter draußen ankern; kleinere Boote übernahmen dann das Be- und Entladen. Das Wasser war entlang der Küste sehr flach. Für eine Tiefe von drei Metern musste man mindestens 50 Meter hinausfahren. Vielleicht bauten die Punier vom Kai aus Stege bis zu einer Wassertiefe von zwei bis drei Metern.
Als Schutz für die Zufahrt zu den künstlichen Häfen wird mitunter das sogenannte „Quadrilateral“ an der Küste Karthagos an der Südspitze des städtischen Seedeichs angesehen. Falbe beschrieb es erstmals 1833 (siehe Abbildungen 6 und 13).
Früher hielt man die verschiedenen Teile von „Falbes Quadrilateral“ für eine einzige Konstruktion. Forschungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass es sich aus Elementen unterschiedlichen Alters zusammensetzt, die getrennt betrachtet werden müssen.
Das älteste erhaltene Element und das einzige, das möglicherweise aus punischer Zeit stammt, ist die nördliche Steinmole. Sie ragt rechtwinklig zur Küste etwa 75 m ins Meer (Abbildung 13-1). Sie scheint vor der römischen Küstenerweiterung entstanden zu sein. Wenn die Mole landeinwärts verlief, wie Falbes Plan nahelegt, könnte sie älter sein als sowohl die zellenartigen Gebäude auf seiner Karte als auch die möglicherweise zeitgleiche „Zellenstruktur“ weiter südlich. Diese Nordmole ist eindeutig älter als die „Ostmole“ (Abbildung 13-2) und könnte als Wellenbrecher gedient haben. Henri Hurst zufolge hätten Schiffe, die an der offenen Küste im Norden entluden, bei schlechtem Wetter im Windschatten dieser Mole Zuflucht suchen können. Arthur de Graauw hält die Entfernung dafür für zu groß und meint, es habe nur Platz für höchstens fünf Schiffe gegeben. Er neigt daher eher Hursts zweiter Vermutung zu: Wenn dieser Wellenbrecher, wie es heute aussieht, punischen Ursprungs war, könnte seine Lage die Einfahrt zu den künstlichen Häfen anzeigen.

Augustinus’ Bericht über seine Abreise aus Karthago auf einem Schiff, das nahe der Kirche des heiligen Cyprian bereitlag, lässt kaum Zweifel daran, dass sich mindestens ein Ankerplatz im Norden der Stadt befand41. Der französische Forscher Louis Carton42 vermutete einen kleinen Hafen südlich des heutigen Borj Djedid (Bourge Gjedid in Abbildung 6), an der Stelle der späteren Antoninus-Thermen und der südlich anschließenden insulae. Seiner Ansicht nach war dies der ursprüngliche punische Handelshafen, dessen innere Uferlinie durch Funde von mit Muscheln verzierten punischen Stelen markiert wurde.
Offenbar gab es also an beiden Enden des offenen Seedeichs von Karthago Schutz für Schiffe, möglicherweise sowohl in punischer als auch in römischer Zeit. Cicero beschrieb Karthago bereits als succincta portibus („von Häfen umgeben“). Weitere Forschungen könnten dies bestätigen.
Südlich der Nordmole verläuft eine 90 Meter lange zellenartige Struktur von Nordost nach Südwest. Sie steht schräg zu allen anderen Strukturen des Quadrilaterals, liegt aber fast genau auf einer Linie mit der allgemeinen Meeresfront nördlich der Häfen. Yorke und Little beschrieben sie 1970 als Betonkonstruktion, „mit fein bearbeiteten Mauerblöcken verkleidet und an der Vorderseite mit einer 2,50 m breiten Plattform versehen.“ Bei weiteren Untersuchungen 1977 stellte man fest, dass für das Fundament eine Verschalung verwendet worden war43. Man vermutete außerdem, dass die Struktur an ihrem Südende durch die Mole unterbrochen wurde, die die Ostseite der römischen Hafeneinfahrt bildete.
Die letzte Struktur im Quadrilateral war wahrscheinlich die Ostmole: eine fast überall doppelte Steinmauer, die sich vom Ende der Nordmole etwa 400 m nach Süden erstreckte und schräg an die Mole aus opus caementicium auf der Ostseite der römischen Häfen stieß.

Epilog
Wie wichtig Karthago für Rom als Handelspartner war, zeigt auch seine eigene Vertretung in der statio 18 an der Piazzale delle Corporazioni in Ostia. Noch heute lassen sich in Karthago viele Zeugnisse seiner reichen Vergangenheit besichtigen: die Überreste der beiden künstlichen Häfen, das Amphitheater, das Aquädukt, die Wasserreservoirs, die Antoninus-Thermen, Straßen, Villen und vieles mehr (hier klicken für ein Video).
Trotz der Zerstörung durch die Römer sind auch einige Spuren der phönizischen Stadt erhalten: das Tophet aus dem 8. Jahrhundert v. Chr., das Magon-Viertel aus dem 5. bis 4. Jahrhundert v. Chr. und das Hannibal-Viertel bei der Kathedrale St. Louis aus dem 3. bis 2. Jahrhundert v. Chr.
Inzwischen steht die Stadt auf der UNESCO-Welterbeliste. Hoffentlich werden bald wieder Mittel bereitgestellt, um weitere Teile dieser bedeutenden Hafenstadt freizulegen.


- Quellen
- - Henry Hurst: Understanding Carthage as a Roman Port
- - Encyclopædia_Britannica
- - Arthur de Graauw - www.AncientPortsAntiques.com
Anmerkungen- 1: Übersetzung: Siehst du jene Stadt, die, nachdem ich sie gezwungen hatte, dem römischen Volk zu gehorchen, ihre alten Kriege wieder aufnimmt und keinen Frieden halten kann?
- 2: Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.): De re publica 6.11
- 3: Foto: Wikipedia
- 4: Vergils Aeneis
- 5: Siehe den Artikel „Tyros, Geburtsort Europas“
- 6: María Eugenia Aubet, The Phoenicians and the West: Politics, Colonies, and Trade
- 7: Werner Huss, „Der Name der Byrsa von Karthago“, Klio, 1982, Nr. LXIV, 1982, S. 403–406
- 8: Giambattista Pittoni (1687–1767)
- 9: Nicht mit dem heutigen Mauretanien zu verwechseln. Das antike Mauretanien lag an der nordafrikanischen Küste, etwa im Gebiet des heutigen Marokko und Algerien.
- 10: Foto: Pascal Radigue (Wikipedia)
- 11: Time Magazine - Servanda Est Carthago!
- 12: Foto: Collection personnelle Bertrand Bouret (Wikipedia)
- 13: Foto: Vividmaps.com
- 14: Appian von Alexandria (95–165 n. Chr.), griechischer Historiker aus Alexandria. Er schrieb eine nach Regionen gegliederte römische Geschichte von der Republik bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts.
- 15: Jährliche Versorgung der Bevölkerung Roms mit Lebensmitteln, vor allem Getreide.
- 16: Falbe C. T., dänischer Archäologe: 1833, Recherches sur l’emplacement de Carthage, Paris.
- 17: Polybios, griechischer Historiker (203–120 v. Chr.), bekleidete militärische und politische Ämter und erlebte als Freund Scipio Africanus’ die Zerstörung Karthagos mit.
- 18: Lucius Marcius Censorinus, Konsul im Jahr 149 v. Chr.
- 19: Appian, Libyca 97, 99
- 20: Scipio Aemilianus: römischer Feldherr und Politiker. Er brachte Karthago im Dritten Punischen Krieg zu Fall.
- 21: Wo diese Einfahrt lag, ist unbekannt. Vielleicht südlich der Nordmole oder in einem Durchstich vom runden Hafen zum Meer.
- 22: Appian, Libyca 121–23
- 23: Prokopios von Caesarea (500–565 n. Chr.) begleitete Feldherr Belisar während der Kriege Kaiser Justinians.
- 24: Flavius Belisar (505–565 n. Chr.), einer der bedeutendsten Feldherren des Oströmischen Reiches. Im Namen Justinians I. von Byzanz eroberte er einen großen Teil des verlorenen Weströmischen Reiches zurück.
- 25: Um welche Stadt es sich hier handelt, ist noch ungewiss.
- 26: Zeichnung nach Yorke und Little 1975, Abbildungen 4 und 8, Rakob 1991, Beilage 36, und Hurst 1999, Abbildung 2.
- 27: Rakob F. 1991, Karthago, Band I. Die Deutschen Ausgrabungen in Karthago, Mainz, Beilagen 37–40.
- 28: Appian, Libyca 96
- 29: Appians Bericht nennt Schiffshäuser für 220 Schiffe; aus den archäologischen Resten lassen sich mindestens 170 erschließen (Hurst 1994, 39).
- 30: Pena 1998, 123, Nr. 2: „Nach dem Konsulat des Modestus und des Arintheus [373 n. Chr.], 14 Tage vor den Kalenden des März [16. Februar], empfingen wir Felix, den Olivenölwäger auf dem Forum von Karthago, mit dem Boot von ...“
- 31: Hurst 1994, 64–70
- 32: Die Insel als „maritime Agora“ unter Justinian: Prokopios, De Aedificiis VI, v, 10 (siehe Hurst 1994, 114–115).
- 33: Bordys Karte von Karthago aus dem Jahr 1897
- 34: Henri de Roquefeuil (1869–1928), französischer Forscher
- 35: De Roquefeuil 1899, 36
- 36: Charles Saumagne 1960, Le lungomare de Carthage romaine.
- 37: Siehe „Pompeiopolis, römischer Hafen in der Türkei“
- 38: Appian, Libyca 123–25
- 39: Rakob 1991. Die Beilagen 37–40 geben einen Überblick über die Küstenentwicklung seit dem 5. Jahrhundert v. Chr.
- 40: Foto: Henry Hurst
- 41: Confessiones V, 8, 15
- 42: Carton L., 1911, Le port marchand et le mur de mer de la Carthage punique, Revue.
- 43: „Wall C“: Yorke und Davidson 1985, 161–162
- 44: Foto: Marcella Miriello/stock.adobe.com
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