Zusammenfassung mit Genehmigung von Jean-Philippe Goiran und seinem Team 1

war ursprünglich an der Porta Romana in Ostia angebracht
Von allen Häfen Roms war natürlich sein eigener Hafen, Ostia, der wichtigste (siehe 'Ein Hafen für Rom'). Ostia ist heute nach einer langen Zeit der Ausgrabungen eine der größten und interessantesten archäologischen Stätten Italiens. Inzwischen wissen wir viel über Ostia. Zahlreiche Wissenschaftler haben die Stadt untersucht und beschrieben. Dennoch ist eine der grundlegendsten Fragen zu Ostia ungeklärt geblieben. Ostia wurde vor allem als Hafenstadt erbaut. Verfügte die Stadt aber neben den Kais am Tiber auch über einen eigenen Hafen?
Warum war es so schwierig, ein Hafenbecken zu finden?
Natürlich wurden in der Vergangenheit verschiedene Versuche unternommen, dieses Hafenbecken an der Tibermündung zu finden 2. Als naheliegendster Standort erschien eine Geländesenke im Norden der Stadt, westlich des sogenannten ‘Palazzo Imperiale’ (Kaiserpalast).

Neue Untersuchungen
Vor einigen Jahren beschloss ein französisch-italienisches multidisziplinäres Team 3, die Hypothese eines Hafenbeckens im Bereich der trogförmigen Senke entlang des Flusses zwischen dem mutmaßlichen Leuchtturm ‘Torre Boacciana’ im Westen und dem ‘Kaiserpalast’ im Osten zu bestätigen oder zu widerlegen (Abb. 3). Dazu setzte es ein mechanisches Bohrgerät ein, um anhand der Sedimente den Nachweis für das antike Hafenbecken von Ostia zu erbringen. Diese Technik löste zugleich das Grundwasserproblem, das Untersuchungen in mehr als 2 Metern Tiefe in diesem Gebiet unmöglich gemacht hatte 4.
Zu diesem Zweck wurden in der Geländesenke an der Stelle, an der man das Becken vermutete, zwei 12 Meter tiefe Bohrkerne entnommen: der Kern PO1 im Süden des Gebiets und PO2 im Norden, nahe dem heutigen Verlauf des Tibers. Die Stratigraphie beider Kerne war gleich. Deshalb konzentriert sich die Erörterung nach einer detaillierten Laboranalyse vor allem auf PO2. Die so gewonnenen Daten werden mit Pollenanalysen verglichen, die an den dafür geeigneten Schichten von PO1 durchgeführt wurden. Auf diese Weise lässt sich die Entwicklung des Hafens bis zu einer Tiefe von 12 Metern rekonstruieren.

Die tiefste Schicht aus der Zeit vor der Gründung Ostias zeigt, dass sich im ersten Jahrtausend v. Chr. in diesem Gebiet das Meer befand. Die mittleren Schichten, die reich an grauem, schluffigem Ton sind, weisen typische Hafenablagerungen auf. Den Berechnungen zufolge hatte das Becken bei seiner Inbetriebnahme zwischen dem 4. und dem 2. Jahrhundert v. Chr. eine Tiefe von 6,5 Metern. Zuvor hatte man angenommen, dass Ostia lediglich einen Flusshafen besaß, der nur für Schiffe mit geringem Tiefgang geeignet war. Nun zeigte sich, dass Ostia tatsächlich über ein tiefes Hafenbecken verfügte, das auch für Seeschiffe mit großem Tiefgang geeignet war. Die jüngsten Schichten, die aus massiven Ansammlungen von Schwemmmaterial bestehen, belegen die Aufgabe des Hafenbeckens während der Kaiserzeit.
Mithilfe von C14-Untersuchungen ließ sich feststellen, dass eine Reihe großer Tiberüberschwemmungen dazu führte, dass der Hafen von Ostia zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Teil des 1. Jahrhunderts n. Chr. allmählich unzugänglich wurde. Dies geschah möglicherweise trotz wiederholter Ausbaggerungen des Hafens.
Zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. war der Hafen nicht tiefer als 1 Meter, und Schifffahrt war völlig unmöglich. Der Hafen wurde daraufhin durch den neuen Hafenkomplex des Claudius in Portus ersetzt, 3 km nördlich der Tibermündung. Diese Verlandung stimmt mit dem Text Strabons (58 v. Chr. – 21/25 n. Chr.) überein, der von der Versandung des Hafens berichtet (siehe 'Ein Hafen für Rom').
Lokaler Kontext
Der römischen literarischen Überlieferung zufolge wurde Ostia im 7. Jahrhundert v. Chr. während der Regierungszeit des Ancus Marcius, des vierten Königs von Rom, gegründet. Titus Livius 5 schrieb, dass die Stadt gegründet wurde, um die Salinen in der Lagune zu nutzen. An einer Verbindung mit dem Fluss und dem Meer kann angesichts der Etymologie und der Bedeutung des Stadtnamens kein Zweifel bestehen: Ostia leitet sich vom lateinischen Ostium ab, das ‘Mündung’ bedeutet. Einige antike Autoren behaupten, dass Ostia bereits seit seiner Gründung als Hafen diente 6, doch könnte diese Vorstellung der Stadt nachträglich zugeschrieben worden sein 7. Aus archäologischer Sicht gibt es nur wenige Belege, die auf ein so frühes Gründungsdatum Ostias hindeuten. Der Siedlungskern von Ostia entstand frühestens im 4. Jahrhundert v. Chr. in Form einer aus großen Tuffsteinblöcken errichteten Befestigung, eines sogenannten Castrums.

Es gibt allerdings Theorien über die Lage eines frühen Ostia vor dem 4. Jahrhundert v. Chr. 8. Übereinstimmungen zwischen schriftlichen Quellen und archäologischen Belegen für die früheste Existenz Ostias finden sich erst ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. In dieser Zeit wurde das Castrum erbaut, und Ostia rückte in den Mittelpunkt der Geschichte dieser Region 9. Während der Punischen Kriege war der Hafen sowohl wirtschaftlich als auch militärisch von großer Bedeutung 10. Im 1. Jahrhundert v. Chr. spielte Ostia eine entscheidende Rolle bei der Lebensmittelversorgung Roms. Diese Schlüsselrolle zeigt sich im Jahr 87 v. Chr., als Marius Ostia einnahm, um Rom von seinen Vorräten abzuschneiden 11. Es ist sehr schwierig, unwiderlegbare archäologische Belege für eine Datierung Ostias vor das 4. – 3. Jahrhundert v. Chr. zu finden. Selbst greifbare Hinweise auf die Lage eines Hafens von Ostia sind schwer zu finden, insbesondere für die republikanische Zeit, aber auch für die Kaiserzeit. Es liegt nahe, dass sich die Hafenanlagen (Anlegestellen zum Be- und Entladen von Schiffen) entlang des Flusses befanden, in direkter Verbindung mit der Stadt und den Lagerstätten.

Obwohl die Entwicklung des Tiberdeltas während des Holozäns gut untersucht ist 12, ist über den paläogeographischen Kontext der Tibermündung und die Veränderungen während der römischen Zeit nur wenig bekannt. Die Küstenlinie und der Verlauf des Tibers auf der Höhe des römischen Ostia lassen sich nur schwer genau bestimmen. Während der republikanischen Zeit und der Kaiserzeit lag die Tibermündung zweifellos in der Nähe der ‘Torre Boacciana’. Dieser Turm wurde auf einem Fundament aus der Kaiserzeit erbaut (wahrscheinlich aus dem 2. – 3. Jahrhundert n. Chr.) 13 und ist das dem Meer am nächsten gelegene archäologische Überbleibsel aus dieser Zeit 14.

Die Ergebnisse 15
Die Untersuchungen des französisch-italienischen Teams führten zu den folgenden Ergebnissen. Das Hafenbecken liegt weniger als 600 Meter vom Castrum entfernt und scheint keine besondere Verbindung zu ihm zu haben. Der Standort ist als Endpunkt einer Route zu verstehen, die bereits lange vor dem Bau des Castrums bestand. Diese Route führte von Süden entlang der Küste zur Flussmündung und setzte sich in der Via Laurentina fort, die aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammt 16. Das Hafenbecken könnte aus derselben Zeit wie die Via Laurentina stammen und somit möglicherweise älter als das Castrum sein. Die Datierung des Hafens könnte auf eine Verbindung mit der republikanischen Mole im Norden an der hufeisenförmigen Flussbiegung auf der anderen Seite des Tibers hindeuten 17. Überreste dieses Bauwerks sind noch heute sichtbar, seine Datierung ist jedoch unsicher. Bis weitere Untersuchungen durchgeführt wurden, wissen wir nicht sicher, ob beide in derselben Zeit genutzt wurden. Das feste Gelände nördlich und östlich des Beckens wurde vor Kurzem untersucht (Heinzelmann und Martin, 2002); über den Süden liegen nur wenige Informationen vor. Die genaue Beziehung zwischen dem Hafenbecken und den antiken Überresten der ‘Torre Boacciana’ muss noch untersucht werden. Der mittelalterliche Turm, etwa 150 Meter südwestlich des Hafenbeckens, wurde auf einem römischen Kern errichtet. Einige gestempelte Ziegel stammen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., doch zeigt der Bau deutlich mehrere ältere Bauphasen 18. Das Gebäude könnte zur Überwachung und/oder zur Signalgebung an der Flussmündung gedient haben. Obwohl es sich sehr wahrscheinlich um einen Turm handelte, hatte dieser nichts mit dem Hafenbecken zu tun, das zu jener Zeit bereits verlandet war. Im Übrigen gibt es keinen Nachweis für einen Turm an dieser Stelle zwischen dem 4. und dem 2. Jahrhundert v. Chr.

die 'Grandi horrea'
Schlussfolgerungen
Zum ersten Mal hat sich ein multidisziplinäres Team aus Archäologen, Historikern, Geographen, Sedimentspezialisten, Geomorphologen, Mikropaläontologen und Palynologen mit der Hafenfrage Ostias befasst. Die Untersuchung identifizierte die Lage des Hafenbeckens von Ostia an der Tibermündung im Norden der Stadt, westlich des ‘Palazzo Imperiale’. Die Bohrkerne zeigten in der Senke eine Abfolge von Erdschichten, die sich als ein allmählich mit Sediment gefülltes Hafenbecken deuten lassen.
Diese Studie sowie die anschließenden Untersuchungen im Labor und im Gelände werden unser Wissen über die Beziehung zwischen Ostia, seinem Hafen an der Tibermündung und der Entstehung der beiden kaiserlichen Häfen im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. in Portus erweitern. Das Hafenbecken an der Flussmündung war mindestens bis zum Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. von einer umfangreichen Versandung betroffen. Daraus ergeben sich zwei Erkenntnisse:
(1) Am Ende des ersten Viertels des 1. Jahrhunderts v. Chr. hatte das Becken unter Berücksichtigung der Gezeiten eine Wassersäule von nur 50 cm bis höchstens einem Meter.
(2) Das Becken blieb somit nur für Boote mit geringem Tiefgang zugänglich. Ostia besaß damals also keinen tiefen Hafen mehr, und der neue Hafen in Portus war noch nicht gebaut. Daher lässt sich vermuten, dass die Ufer des Tibers möglicherweise als Plattformen zum Be- und Entladen von Waren eingerichtet und genutzt wurden, sofern der Fluss damals nicht ebenfalls bereits vollständig versandet war. Außerdem kann man annehmen, dass sich zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Funktion des Hafenbeckens von Ostia verändert hatte.
Obwohl die Existenz des Beckens nun nachgewiesen und dokumentiert ist und mithilfe der beiden Bohrkerne eine paläoökologische Rekonstruktion sowie eine Untersuchung der Chronologie der Erdschichten durchgeführt wurden, muss das Vorhandensein von Bauwerken wie Wellenbrechern und Kais noch durch archäologische Untersuchungen belegt werden. Wir warten gespannt auf die Ergebnisse weiterer Untersuchungen.
- Anmerkungen
- 1: Jean-Philippe Goiran, Elisa Pleuger und Cécile Vittori (CNRS e UMR 5133, Maison de l’Orient et de la Méditerranée, Lyon, Frankreich), Ferréol Salomon und Jean-Paul Bravard (UMR 5600, Université de Lyon, Frankreich), Ilaria Mazzini (Dipartimento di Scienze, Università Roma TRE, Italien), Giulia Boetto (Aix-Marseille Université, CNRS, Centre Camille Jullian (UMR 7299), Frankreich), Jonatan Christiansen und Pascal Arnaud (UMR 5189, Université de Lyon, Frankreich), Angelo Pellegrino (Soprintendenza Speciale per i beni Archeologici di Roma, Italien), Caterina Pepe (Dipartimento di Biologia Ambientale, Università degli Studi di Roma “La Sapienza”, Italien und Dipartimento di Scienze della Terra, Università degli studi di Roma “La Sapienza”, Italien, Laura Sadori (Dipartimento di Biologia Ambientale, Università degli Studi di Roma “La Sapienza”, Italien).
- 2: Fea 1824, 1831, 1835; Canina 1830.
- 3: CNRS, Université Lyon, Aix-Marseille Université, Ecole Française de Rome, Soprintendenza Speciale per i Beni Archeologici di Roma e Sede di Ostia, Università Roma, Università degli Studi di Roma “La Sapienza”.
- 4: Goiran und Morhange 2003; Marriner et al. 2010; Goiran et al. 2012.
- 5: Ab Urbe condita I, 33, 6-9.
- 6: Pseudo-Aurelius Victor, De Viris illustribus urbis Romae V, 3; Quintus Ennius, Annales, frag. 22.
- 7: Le Gall 1953; Zevi 2001a.
- 8: Vaglieri 1911; Coarelli 1988; Martin 1996; Brandt 2002; Zevi 2002.
- 9: Valerius Maximus, Dictorum factorumque memorabilium libri novem, III, 7-10; M. Iunianus Iustinus, Epitoma Historiarum Philippicarum, XVIII, 2, 1-2.
- 10: Titus Livius, Ab urbe condita XXII, XLV.
- 11: L. Annaeus Florus, De gestis Romanarum, III, 22; Plutarchus, Leben des Marius, XLV (Le Gall 1953; Zevi 2001b).
- 12: Bellotti et al. 1994, 1995, 2007; Giraudi, 2004.
- 13: Martin 1996, S. 279.
- 14: Weitere Informationen zur Küstenlinie stammen aus der unmittelbaren Umgebung von Portus (Arnoldus-Huyzendveld 2005; Giraudi 2004, 2009) und aus dem Süden des Tiberdeltas, von der laurentinischen Küste (Bicket et al. 2009). In dieser letztgenannten Veröffentlichung wird ein rasches Vorrücken der Küstenlinie während der Kaiserzeit im Tiberdelta dokumentiert. Dieses seewärtige Vorrücken der Küstenlinie könnte an der Flussmündung stärker ausgeprägt gewesen sein.
- 15: Der vollständige Artikel einschließlich eines Berichts über die Methoden und Ergebnisse ist in diesem PDF aus dem Journal of Archaeological Science nachzulesen.
- 16: Calza et al. 1953; Zevi 2001a.
- 17: Pellegrino et al. 1995.
- 18: Meiggs 1973.
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