
Ein wichtiger Bestandteil der Website www.ostia-antica.org ist die Rubrik „Graffiti“, in der alle bislang bekannten Graffiti in Ostia zusammengetragen und mit Fotos sowie, soweit möglich, mit Erläuterungen dokumentiert werden.
Diese Arbeit begann bereits vor etwa zwanzig Jahren. Die Initiatoren waren Jan Theo Bakker, der Betreiber der Website, und ein gewisser Eric Taylor, ein englischer Lehrer mit einer unglaublichen Leidenschaft für Ostia. Eric übernahm die Feldarbeit, suchte akribisch jedes Stück Mauer in Ostia nach Graffiti ab und fotografierte sie. Jan Theo dokumentierte anschließend die Fotos, beschrieb sie und stellte sie auf die Website. So arbeiteten Eric und Jan Theo fast 20 Jahre lang zusammen. Als Eric aufhörte, war ein großer Teil Ostias untersucht. (Lesen Sie am Ende dieses Artikels seinen eigenen Bericht.)

Einige Jahre später, als Jan Theo Erics Fotos erneut genauer betrachtete, wurde ihm angesichts des fortschreitenden Verfalls vieler Mauern in Ostia durch verschiedene Einflüsse bewusst, dass diese Fotos früher oder später womöglich die einzigen Zeugnisse dessen sein könnten, was die Bewohner in der Antike auf die Mauern geschrieben hatten. Die Fotos gewannen daher zunehmend an Bedeutung.
Die meisten Fotos waren seinerzeit jedoch mit einer analogen Amateurkamera aufgenommen worden und zeigten nicht immer deutlich, was mit bloßem Auge noch zu erkennen war. Es war also an der Zeit zu prüfen, ob sich die noch vorhandenen Graffiti mit der heutigen, hochentwickelten Technik besser erkennen und fotografieren ließen.
Deshalb startete Jan Theo 2013 nach dem Vorbild des Graffiti-Projekts in Pompeji und Herculaneum eine Initiative, um alle von Eric entdeckten Graffiti erneut fotografieren zu lassen – diesmal mit spezieller digitaler Ausrüstung. Er veröffentlichte einen Aufruf in seiner Facebook-Gruppe, und bald fanden sich genügend Freiwillige, die bereit waren, diese Aufgabe zu übernehmen. Das Ostia Graffiti Project war geboren.

Eric, inzwischen im Ruhestand, hatte so viel Vorarbeit geleistet, dass Roman Ports der Ansicht war, die Geschichte dieses bemerkenswerten ehrenamtlichen Helfers sollte einmal erzählt werden. Gemeinsam mit Jan Theo wurde beschlossen, ein Videointerview mit Eric aufzunehmen. Das Interview fand am 22. Oktober 2016 in seinem Wohnort Worcester (England) statt.

EINE VORSTELLUNG (von www.ostia-antic.org)
Wenn ich mich um eine Stelle bewerben würde und in der Stellenbeschreibung stünde: „... Kenntnisse in Latein, Griechisch, Epigraphik, Rechtsquellen, Architektur, Kunstgeschichte, Religion, Geologie und so weiter und so fort sind erforderlich ...“, würde ich ganz bestimmt nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Warum? Weil ich Mikrobiologe bin (und bald ein Mikrobiologe im Ruhestand).
Warum interessiert sich also ein Mikrobiologe für Ostia, Graffiti und die Münzstätte? 1972 begann ich an meinem jetzigen College zu arbeiten und lernte einen Kollegen mit dem großartigen, altehrwürdigen englischen Namen Arthur Charles Kitchener Fear kennen. Er klingt nach einem Original – und das ist er ganz eindeutig auch. Er hat Abschlüsse in Zoologie und Archäologie und hat wahrscheinlich jeden archäologischen Kurzlehrgang besucht, den die Universität Bristol je angeboten hat.
Arthur nahm gegen Ende des letzten Krieges an der Landung bei Salerno teil und marschierte während des letzten Ausbruchs des Vesuvs an diesem vorbei.
Viele Jahre lang unternahm er alljährlich eine „Pilgerreise“ nach Marseille, Rom und Sorrent. Dort wohnte er bei einer Familie, bei der er in der letzten Kriegsphase einquartiert gewesen war. Auch mein erster Auslandsurlaub führte mich nach Sorrent (24 Stunden mit dem Zug), aber ich brauchte keine Reiseführer oder Ähnliches, denn Arthur versorgte mich mit allem, was ich für meinen ersten Besuch in Pompeji benötigen würde. Zu Weihnachten bekam ich eine Karte von Arthur – leider sind seine Reisezeiten vorbei. Niemand wird ihn je wieder in Pompeji, Rom oder Ostia sehen: in seinem anthrazitgrauen Anzug, mit weißem Hemd und Krawatte sowie schwarzen Oxford-Schuhen, einen kleinen, abgewetzten Lederkoffer in der Hand.
Vor fünfeinhalb Jahren erzählte ich Arthur, dass ich zum ersten Mal nach Rom reisen würde. Er sagte, ein Besuch in Ostia sei ein MUSS. Mir blieb also nichts anderes übrig, als genau das zu tun, was mir aufgetragen worden war! Damit fing alles an: Reisen jedes Jahr und in letzter Zeit sogar zweimal jährlich. Die meiste Zeit verbringe ich in Ostia; schließlich kann man montags, wenn Ostia geschlossen ist, den Vatikan besuchen. Dass ich zufällig im Internet auf die Ostia-Website stieß, war das letzte Puzzleteil. JTBs Begeisterung hat offensichtlich auf mich abgefärbt, und nun suche ich hier, dort und überall nach Graffiti (an die seltsamen Blicke der anderen Besucher gewöhnt man sich) und vertiefe mich in „Artikel über die Münzstätte“. Viele davon wurden freundlicherweise von Menschen beigesteuert, die sich eigens die Mühe gemacht haben, sie aufzuspüren.
Eines der schönen Dinge an Ostia ist für mich, dass ich es vor meinem inneren Auge sehen kann (das kann ich von vielen Teilen meiner Stadt, die weniger als eine Meile von meinem Zuhause entfernt liegen, nicht behaupten). Einige Orte bleiben besonders im Gedächtnis, etwa der Raum unter der Treppe in Aurighi. Manchmal bringt mich JTB in Verlegenheit, wenn er nach genauen Standorten fragt. Dann wiederum biegt man zum ersten Mal um eine Ecke und entdeckt etwas Neues. Kollegen und Familie kennen inzwischen die Antwort auf die Frage: „Dieses Jahr wieder Ostia?“ Die Antwort lautet: Wenn ich alles gesehen habe, was es dort zu sehen gibt, werde ich mir ein anderes Reiseziel suchen.
Mein größtes Problem ist der Zugang zu Quellen und Fachliteratur. Die Bibliothek meines Colleges hat verständlicherweise wenig zu bieten. Ohne das Internet und die Website wäre ich daher verloren. Allerdings ändern sich die Dinge. Dass ich im Oktober Elizabeth Shepherd kennengelernt habe, lässt für die Zukunft hoffen. Außerdem hat meine Tochter einen Abschluss in Altertumswissenschaften (Birmingham, bei Ken Dowden), sodass sie die Hauptlast meiner Übersetzungsanfragen trägt. Manchmal glaube ich, dass sie mir für ihren eigenen Unterricht noch mehr Informationen über Ostia entlockt. Und alle guten Bücher, die ich mir besorge, scheinen auf mysteriöse Weise zu verschwinden. Wie auch immer: Mögen der Ruhestand und Ostia bald kommen!
E.H. Taylor
Worcester, Januar 2001
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