31 Jan 2016

Die Synagoge, Jüdisches Leben in Ostia

Von Mary Jane Cuyler
Die Synagoge: Entdeckung und Ausgrabung
Die Synagoge von Ostia befindet sich in einiger Entfernung vom Eingang des Ausgrabungsgeländes. Besucher, die sich auf den langen Weg zu diesem außerordentlichen Gebäude machen, finden sich, dort angekommen, in einer merkwürdigen Einsamkeit. Selbst an den Sommertagen der Hochsaison befindet man sich dort abseits der anderen Besucher und Besuchergruppen. Zu hören ist nur der Verkehr, der sich in der unmittelbaren Nähe befindenden Staatsstraße 296, die zum Flughafen im nahegelegen Fiumicino führt.

Es stellt sich die Frage, warum sich die Synagoge ausgerechnet hier, in einem derart abgelegenen Teil der antiken Stadt befindet und warum man direkt daneben eine Schnellstraße gebaut hat; dahinter steckt eine interessante Geschichte. 
Im Frühjahr 1961 wurde an der Fertigstellung der Schnellstraße von Rom zum neu eröffneten Flughafen Leonardo da Vinci  gearbeitet. Die Straße war sorgfältig geplant und sollte die Ruinen Ostia anticas im großen Bogen umfahren, und obwohl die antike Stadt noch längst nicht vollständig ausgegraben ist, waren die Archäologen seinerzeit überzeugt, ihre Ausdehnung verlässlich einschätzen zu können. 

Die Überraschung war groß, als man während der Arbeiten auf einen Abschnitt der antiken Via Severiana und ein monumentales Bauwerk stieß. Ostia antica, stellte sich heraus, war deutlich größer, als man angenommen hatte. 

Abb. 1: Kragbögen aus Marmor in situ

Aber es kamen noch weitere Überraschungen. Maria Floriani Squarciapino, Direktorin des Ausgrabungsgeländes, leitete unverzüglich die Ausgrabung des neuen Gebäudes ein. Nach der anfänglichen Bereinigung des Bodens wurden zwei riesige Marmorstützbalken, auf denen die jüdische Menora dargestellt war, ausgegraben. In einem weiteren Raum fand man, auf dem Boden verstreut, Lampen mit dem Menora-Symbol. Es handelte sich bei dem Bauwerk also um eine antike Synagoge. 

Die Entdeckung machte weltweit Schlagzeilen. Es gab bis dahin nur wenige Hinweise auf das Vorhandensein einer jüdischen Gemeinde in Ostia; irritierend für die Wissenschaftler, da die Anwesenheit von Juden in Rom ab dem 1 Jh. v. Chr. belegt ist. Natürlich wollte man das Bauwerk also schnellstmöglich ausgraben und restaurieren. Die Hauptarbeiten erfolgten also umgehend in den Jahren 1961 und 62, weitere kleinere Ausgrabungen in den Jahren 1963, 64 und 77. 

Abb. 2: Artikel Archaeology Magazine

Prof. Squarciapino veröffentlichte diverse Artikel über die Synagoge, darunter eine populäre Reportage im Archaeology Magazine.  Erste Schlussfolgerungen auf Grundlage der verwendeten Baumaterialien und der Bautechnik datierten die Errichtung der Synagoge auf das 1. Jahrhundert n. Chr.. Im Lauf der Jahrhunderte wurde das Gebäude mehrfach renoviert. Nach Analyse des Stils der gefundenen Mosaiken kam Squarciapino zu dem Schluss, dass die bedeutendsten Umbauten der Synagoge im 4. Jh. stattfanden. Ihre Schlussfolgerungen gingen um die Welt. Die Synagoge von Ostia war die älteste Synagoge, die je in Europa gefunden wurde. 

Eine "abgeschiedene" Synagoge?
Die Synagoge wurde entlang der alten Küstenlinie gebaut, wobei sehr wahrscheinlich ein möglichst unverstellter, freier Blick auf das Meer gewährleistet sein sollte. Heute nähern wir uns dem Gebäude über ein weitläufiges Feld und viele Besucher gewinnen den Eindruck, dass die Synagoge weit entfernt von den wichtigsten Vierteln Ostias gebaut wurde. Das ist von der Wahrheit, wie wir sie heute kennen, weit entfernt.

Abb. 3: Abbildung: DAI-Plan des noch nicht ausgegrabenen Teils

Geophysikalische Untersuchungen der noch nicht ausgegrabenen Bereiche der Umgegend haben ergeben, dass die antike Stadt noch weit über den Standort der Synagoge hinausging. Weitere Ausgrabungen im betreffenden Bereich haben ergeben, dass sich die Synagoge in der Nähe einer luxuriösen Villa befand, auf der ihr gegenüberliegenden Straßenseite ein riesiger Thermenkomplex. Die Synagoge war also alles andere als abgesondert und isoliert. Sie war ein wichtiger Teil des geschäftigen Treibens in einem der belebtesten Viertel Ostias. 

Jüngste Ausgrabungen und Studien
Falls der Weg Sie in einem der letzten Sommer zur Synagoge von Ostia antica geführt hat, haben Sie möglicherweise archäologische Untersuchungen im Inneren des Gebäudes selbst und in seiner unmittelbaren Nähe zur Kenntnis genommen. Diese Untersuchungen dauern noch an. Professor L. Michael White, Leiter des Institute for the Study of Antiquity & Christian Origins an der University of Texas in Austin, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die noch unerzählte Geschichte der Synagoge von Ostia aufzudecken.

Abb. 4: Ausgrabungen und Restaurierung
in Gebäude 2 (Juli 2015)

Ein abschließender Bericht über die Ausgrabungen wurde nie erstellt und die seinerzeit von Prof. Squarciapino  gezogenen Schlüsse sind heute zu überdenken und neu zu untersuchen. Das Team von Prof. White ist diese Aufgabe auf zwei Wegen angegangen. Zuerst wurden Tausende von unveröffentlichten Artefakten, die in den 1960er und 1970er Jahren ausgegraben wurden, sorgfältig untersucht und katalogisiert.  Neben der Archivforschung hat das Team eine Reihe von strategischenAusgrabungen im Gebäude selbst und in der unmittelbaren Umgebung, sowie in der Via Severiana durchgeführt. Die Ausgrabungsmethoden haben sich in den letzten 50 Jahren weiterentwickelt, genauso wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Artefakte und Bauweisen. So ist es von entscheidender Bedeutung für das Team , dass diese neuen Arbeiten durchgeführt werden.

Abb. 5: Ausgrabungen in Raum 7 (Juni 2015)

Prof. White und sein Team bereiten zur Zeit die Veröffentlichung der Ergebnisse der Archivstudien und der jüngsten Ausgrabungen vor, wobei sich komplexe Fragen stellen: War das Gebäude von Anfang an als Synagoge geplant, oder diente es vorher einem anderen Zweck und wurde erst zu einem späteren Zeitpunkt zur Synagoge umgebaut? Gab es eine Mikwe für das rituelle Tauchbad oder einen anderen Bereich für die Waschungen? Und wann genau wurde das Gebäude errichtet? Wie lange wurde es benutzt?

Vor einer Veröffentlichung müssen diese und viele andere Fragen natürlich umfassend untersucht werden. Das Team hat überzeugende Beweise dafür, dass die früheste Phase des Gebäudes auf kurz nach Ende des 1. Jh. n. Chr. datiert werden muss. Dabei ist zu bedenken, dass Squarciapinos ursprüngliche Hypothese der Entstehung des Gebäudes im ersten Jahrhundert auf Grundlage des gefundenen Mauerwerks und der Bautechnik aufgestellt wurde. Fünfzig Jahre später beginnen Archäologen zu verstehen, dass Baumaterial und Mauerwerk allein nicht immer präzise Daten liefern können. 

Abb. 6: Ausgrabungen in Raum 18 (Juni 2015)

Ähnlich verhält es sich mit der Hypothese der Renovierungen im vierten Jahrhundert, die auf dem Stil der Mosaiken basierte. Wie bei der Analyse des Mauerwerks, beginnen die Archäologen die MöglichkeitenMosaiken für die genaue Datierung heranzuziehen, zu überdenken.
Dr. Daniela Williams, Numismatikerin des Texas-Teams, entdeckt bei der Untersuchung der im Rahmen der Ausgrabungen in den 1960er Jahren direkt neben den Mosaiken gefundenen Münzen, diverse Exemplare aus dem 4. und sogar aus dem späten 5. Jahrhundert n. Chr.. Das bedeutet, dass die umfangreichen Umbauten erst im 5. Jahrhundert stattfanden und die Synagoge also mindestens ein Jahrhundert länger benutzt wurde, als bisher angenommen.

Abb. 7: Plan der gesamten Anlage

Ein Gebäude mit vielen Funktionen
Obwohl wir uns Synagogen eher als Stätten der Begegnung und des Gottesdienstes vorstellen, gibt es Hinweise darauf, dass verschiedenste Tätigkeiten dort ausgeübt wurden. Die Abbildung  zeigt den Grundriss des Gesamtkomplexes. Die diversen Gebäude, Bereiche, Räume sind mit Ziffern gekennzeichnet. Es gibt drei separate Gebäude: IV.17.1, das Hauptgebäude der Synagoge; IV.17.3, ein Gebäude mit unbekannter Funktion, das beim Bau der Straße zum Flughafen zerstört wurde, und IV.17.2 mit wahrscheinlich hauswirtschaftlicher Funktion.

In der letzten Phase der Synagoge würde man die Anlage durch den Bereich 1, der in einen Innenhof führt, betreten haben. Der Zugang zum Gebäude erfolgte über eine Treppe zum Raum 8, der Eingangshalle. Kleinere Räume links und rechts waren mit Mosaiken dekoriert. Ein Mosaik im Raum 8 selbst scheint drei Ritualobjekte darzustellen: Einen Becher, einen Laib Brot, und möglicherweise eine Schriftrolle.. Geradeaus weitergehend zwischen den beiden großen Säulen gelangt man zur Versammlungshalle, die das Herz der Synagoge ist. In dem gewölbten Toraschrein, dessen Rückseite Richtung Osten, Richtung Jerusalem, ausgerichtet ist, wurden die heiligen Torarollen aufbewahrt. Bei den bekannten Säulen mit der Menora, links und rechts des Toraschreins handelt es sich allerdings um Kopien. Eines der Originale steht in der Nähe des Ostia-Museums, das andere ist in diversen Ausstellungen zu sehen.

Abb. 8: Raum 14 der Synagoge (Juli 2009)

Auf dem Weg zurück zum Eingang finden wir rechter Hand eine Treppe, die zum Raum 10 führt; seine Funktion wird jeder Besucher sofort erkennen: In einer Ecke befindet sich ein großer Ofen zum Brotbacken; eine Bank mit einer großen Marmorplatte wird der Zubereitung der Mahlzeiten gedient haben. In diesem Raum wurden seinerzeit die Lampen mit der Menora gefunden.

Angrenzend an Raum 10 befinden sich diverse Räume (15-16-17), die in der letzten Phase der Synagoge ebenfalls zur Lebensmittelzubereitung dienten. Auf der flachen Bank in Raum 16 wurde vermutlich auf tragbaren Feuerschalen gekocht. Vor ein paar Jahren fand das Texas-Team einen großen Abfluss im Hinterzimmer 17; also wurde in diesem Bereich Wasser verwendet. Der riesige Raum 18 gibt den Archäologen weiterhin Rätsel auf. Prof. Squarciapino entdeckte die Überreste von breiten Bänken entlang der Wände, was darauf schließen lässt, dass es sich möglicherweise um einen Speisesaal handelte. Doch die Mitte des Raumes enthielt eine Reihe von Abflussrohren; möglicherweise ein Hinweis darauf, dass hier Wasser gesammelt wurde, oder dass dieser Teil möglicherweise nicht überdacht war.

Abb. 9: Raum 10 mit dem Ofen (Juli 2009)

Das lange, schmale Gebäude neben der Synagoge (IV.17.2) scheint ähnliche Funktionen erfüllt zu haben, aber sein genauer Zweck ist unbekannt. Es gab einen großen Eingang durch Raum 1; wo immer dieser Eingang einst hinführte, der Zugang erfolgte über die Treppe in Raum 2. Raum 3 war ein Lager; Raum 4 konnte durch einen weiteren Eingang von außerhalb des Gebäudes, nicht durch den Haupteingang selbst betreten werden. Der Raum war mit einem schlichten schwarz-weißen Bodenmosaik dekoriert; im hintersten Gebäudebereich befand sich ein kleiner Brunnen oder ein Nymphäum.

In vielerlei Hinsicht ist die Synagoge ein ikonenhaftes Beispiel für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Archäologie Ostias. Ihre Entdeckung hat unsere Vorstellungen von der Ausdehnung der antiken Hafenstadt immens erweitert und entscheidende Beweise dafür geliefert, dass es in Ostia eine wohlhabende jüdische Gemeinde gab, die über Generationen andauerte. Die Ausgrabungen und Entdeckungen unter Prof. Squarciapino haben den heutigen Archäologen umfangreiches Material geliefert, das mit neuen Ansätzen, neuen Techniken neu zu untersuchen ist. Überall in Ostia gewinnen Archäologen heute neue Erkenntnisse aus früheren Entdeckungen. Diese neuen Studien bilden das Fundament für die Zukunft der Archäologie.

(Aus dem englischen übersetzt von Dirk Nolte)

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  • Notes:
  • Abb. 1: Die Kragbögen mit Menora, wie sie 1961 gefunden wurden (M. F. Squarciapino, "La Sinagoga di Ostia", Bolettino d'Arte, Oktober - Dezember 1961, Abb. 12)
  • Abb. 2: Die erste Seite des Artikels über die Synagoge von Prof. Squarciapino's im Archaeology Magazine, September 1963
  • Abb. 3: Ergebnisse der vom Deutschen Archäologischen Institut durchgeführten geophysikalischen Untersuchungen. Die schwarzen Linien zeigen bereits ausgegrabene Gebäude, die roten Gebäude, die noch nicht ausgegraben wurden. Die Synagoge ist durch ein blaues Viereck hervorgehoben. Der breite weiße Streifen ist die heutige Straße zum Flughafen Fiumicino.
  • Abb. 4, 5 und 6 : Foto by Mary Jane Culyer
  • Abb. 7: Plan der gesamten Anlage der Synagoge von L. Michael White (ostiasynagogue.worldpress.com)
  • Abb. 10: Archaeology magazine, September 1963, page 195
  • Abb. 8, 11 und 12: Foto by Gerard Huissen
Um das Video anzusehen auf das Bild klicken


Foto 10: Archaeology Magazine, September 1963, Seite 195


Foto 11: Brunneneinfassung in Raum 3 und Eingang zur Synagoge durch Raum 5 in Raum 7 (Juli 2009)


Foto 12: Gebäude 2 von der Via Severiana aus gesehen (Juli 2009)

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