18 Feb 2016

Der Wandel des Küstenverlaufs bei Ostia im Lauf der Jahrhunderte

Tonnie Huijzendveld (Arnoldus)
Geoarchäologin
Abb. 1: Die heutige Küste der Campagna Romana
Der Doppelbogen, in dem die Küstenlinie der Campagna Romana verläuft, ist zwischen den Felsvorsprüngen von Ladispoli und Anzio entstanden. In der Mitte wird der regelmäßige Verlauf durch die Mündungen des Tibers und des Fiumicino-Kanals unterbrochen.

Heute befindet sich das Meer ein paar Kilometer entfernt vom antiken Ostia. Klassische Quellen, besagen jedoch, dass sich der Strand zur Römerzeit in der unmittelbaren Nähe Ostias befand (siehe auch den Beitrag zur Synagoge). Aus einem Augenzeugenbericht von Minucius Felix, einem römischen Schriftsteller, erfahren wir mehr über den Küstenverlauf im 2. bis 3. Jahrhundert. Er schreibt, nach einer lebhaften Beschreibung von Strand und Meer: "Setzen wir uns auf diese, in das Wasser hinausragende Fels-Mole, die zum Schutz der Bäder gebaut wurde". So befand sich das Meer seinerzeit also nicht nur der Nähe; es war so weit vorgerückt, dass es eine Bedrohung für die Stadt und deren Gebäude war. 
Fig. 2: Abb. 2: Plan eines Teils der Ausgrabungen von Ostia antica mit
dem Punkt, an dem Mincius Felix während seiner Beschreibung
gesessen haben könnte. 
Bestätigt wird dies durch eine Inschrift aus dem Jahr 238 n. Chr., die zum Schutz der seewärtigen Seite der Via Severiana angebrachte Steinblöcke erwähnt. Etwas weiter südlich befand sich die Villa Laurentum, wie Plinius der Jüngere im 1. bis 2. Jh. schreibt, direkt am Meer.

Der Küstenverlauf in den ersten Jahrhunderten n. Chr. und der ursprüngliche Küstenstreifen, wurden von Dünensand und Ablagerungen des Tibers überdeckt.

Lassen Sie mich weiter zurück in der Zeit gehen, um kurz den die Veränderungen des Küstenverlaufs bewirkenden Mechanismus zu erklären und von dort zur Umweltgeschichte der Küstenebene zu kommen. Untersucht wurden diese Prozesse vor allem durch Tiefbohrungen, anschließende Analysen der Bohrkerninhalte und Radiokarbondatierungen. Im Allgemeinen wird der Verlauf einer Küstenlinie von zwei Faktoren bestimmt: 1) dem Meereswasserstand; 2) der Menge an Sedimenten, die von den Flüssen zum Meer gespült werden. Geologische Untersuchungen haben gezeigt, dass bis vor etwa 5000 Jahren, das Meeresniveau eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Küstenlinie gespielt hat. Im Zeitraum von vor 17.000 bis vor 5.000 Jahren ist der Meeresspiegel von minus 125 Metern bis auf ein ungefähr dem heutigen Stand entsprechendes stabiles Niveau angestiegen. Die langsame Überflutung, das „Ertrinken des Strandes“ bewirkte die Verschiebung der Küstenlinie in Richtung Binnenland. Es ist allgemein anerkannt, dass dieser Meeresanstieg auf das Schmelzen der Polkappen nach dem Ende der letzten großen Eiszeit vor 20.000 Jahren zurückzuführen ist. Kleinere Veränderungen des Meeresniveaus sind auch später aufgetreten; so lag der Meeresspiegel zum Beispiel in den ersten Jahrhunderten nach Christus noch circa einen Meter unter dem heutigen Niveau.
Abb. 3: Schematische Darstellung des vorrückenden Deltas bei stabilem
Meeresspiegel (die Pfeile zeigen die Position der Fotografie in Abb. 4).
Nach dem "großen prähistorischen Anstieg des Meeresspiegels", wurde der Küstenverlauf in erster Linie durch die Menge der von den Flüssen zum Meer transportierten Sedimente bestimmt. Untersuchen wir also, wie das Expandieren und landwärtige Zurückweichen der Küstenlinie so zustande kommen konnte
Die Dünen der Küstenstreifen bestehen aus einer Reihe von Strandwällen, die sich aus den ursprünglich auf dem Meeresboden von den Wellen geformten Küstenbarrieren entwickeln. Jede Barriere hat sich langsam landeinwärts bewegt und schließlich mit der Küste verbunden. Das sandige Material, aus dem die diese Barrieren bildenden Ablagerungen entstehen, wurde zuerst von den Flüssen ins Meer und dann durch die Meeresströmung zurück zur Küste transportiert. Der von den Wellen ans Ufer gespülte Sand wird am Strand abgelagert und dann von den folgenden Wellen zum Teil wieder angesogen. Wenn die folgenden Wellen sehr stark sind, wird das Sediment vollständig aufgezehrt und ein neuer Zyklus beginnt. Die Strandwälle überleben dort, wo eine Fülle festen fluvialen Materials ins Meer geschwemmt wird. In diesem Fall formen sich die Sedimente zu einer alternierenden Abfolge von Dünen und Senkungen, in der sich die zyklische Natur des Prozesses manifestiert. 
Abb. 4: Schlitzwand in den "jüngsten
Dünen" der römischen Küstenebene.
Die Dünenbildung entwickelte sich hier
horizontal aus einer Abfolge sich seewärts
bewegender breiter Bänder, in diesem Fall
von links nach rechts.
Anlässlich jüngster Untersuchungen der römischen Küste wurden im Auftrag der Archäologischen Oberintendantur Ostias mehrere Gräben angelegt.
Abb. 5: In einem Graben nördlich von
Portus freigelegter Strand


Wir haben gesehen, wie die Sedimentfracht des Flusses, die Stärke und Richtung der Meeresströmungen und die Kraft der Wellen im Uferbereich sich in einem empfindlichen Gleichgewicht befinden, das auf lange Sicht zu einem Vordringen der Küstenlinie, zum Stillstand oder auch zu ihrem Rückzug führen kann. So werden das durch klimatische Bedingungen oder Erosionen im Wassereinzugsgebiet bedingte Abflussverhältnis und die Überschwemmungsintensität zu einem potentiellen Entwicklungsfaktor der Küstenlinie.

Ein anspruchsvolles und einheitliches Modell für die Entwicklung des Sandstrandstreifens der römischen Küste in den letzten Jahrtausenden wurde 2011 von Bellotti und Kollegen erstellt.
Abb. 6: Die bedeutendsten Positionsveränderungen der
Tiber-Mündung im Lauf der Strandentwicklung.
Die diversen Änderungen des Flusslaufs zeigen auch die unterschiedlichen Positionen der Delta-Spitze. In der ersten Phase von ca. 3000 v. Chr. bis zum 8./7. Jh. v. Chr. entwickelt sich das Delta von seiner Spitze über das gesamte Gebiet vom Capo Due Rami bis zum späteren Standort der Kaiserhäfen und zum äußeren Rand des Stagno di Ostia. Der Übergang in die zweite Phase erfolgte mit der plötzlichen Wanderung des Flusslaufs nach Süden, der zufolge der Tiber zuerst in den Stagno Ostiense floss und später den Dünenstreifen in der Nähe des zukünftigen Ostia durchbrach.
Mit der Eröffnung des Kanals von Trajan (im frühen 2. Jh. n. Chr.) entwickelte sich ein neues komplexes System der Delta-Progradation mit zwei fast gleichzeitig aktiven Flussarmen (die dritte Phase). Gleichzeitig kam es zu häufigen Überschwemmungen des Tibers; mehr als dreißig in der Römerzeit. Das Vorrücken der Küstenlinie verlief zunächst langsam, später intensiver; etwa die Hälfte der seewärtigen Küstenbewegung vollzog sich ab dem 16. Jh. n. Chr..
Abb. 7: Historie der seewärtigen Küstenbewegung;
die Zahlen geben die Jahre nach. Chr. an.
Berechnungen zufolge betrug die durchschnittliche Progradation zwischen dem 15. und 20. Jh. 7,5 m pro Jahr. Die Küstenlinie von 1570 n. Chr. wird durch die Standorte des Torre Alessandrina am Fiumicino-Kanal und des Tor San Michele am Tiber dokumentiert.
Obwohl die oben genannten Umweltveränderungen unmittelbar von den örtlichen Bedingungen gesteuert wurden, widerspiegeln sie auch die schnellen weltweiten Klimaschwankungen. Die Erosionsphase des 3. Jahrhunderts deutet auf eine warme Klimaphase hin, die mit einem Rückgang der Tiber-Überschwemmungen einherging; die Progradation der letzten 500 Jahre fällt zusammen mit einer kälteren Klimaphase, der sogenannten „kleinen Eiszeit“, und mit den stärksten Hochwassern, die je an der römischen Küste verzeichnet wurden.

Auf Grundlage der Bohrdaten haben die eingangs genannten Autoren eine interessante Hypothese über die Gründung und das Wachstum Ostias entwickelt: Vor rund 2600 Jahren erfuhr der Stagno Ostiense durch das Eindringen von Meerwasser bedingte plötzliche Umweltveränderungen, das limnische Milieu wurde zu einem brackischen. Der Überlieferung zufolge fiel dieser Wandel zeitlich mit der Gründung Ostias zusammen. Wir wissen nicht, ob die plötzlichen Veränderungen natürlichen Ursprungs waren oder durch menschlichen Einfluss entstanden sind. Auf jeden Fall war die Breite des Dünengürtels zu gering um die Stadt dort unterzubringen, zu der Ostia später werden sollte. Man geht davon aus, dass Ostia zu dieser Zeit lediglich ein Vorposten war, der möglicherweise der Salzförderung diente. Die Progradation des Deltas verlief mit einer geschätzten Geschwindigkeit von 5 - 6 m im Jahr sehr schnell; das Delta war im 5. - 4. Jh. v. Chr. fast vollständig entwickelt. Zu diesem Zeitpunkt war der Dünengürtel offenbar breit genug für die Gründung und Expansion der Stadt Ostia.

Es mag seltsam klingen, aber Beispiele seewärts wandernder Küstenlinien sind heute selten. Ich kenne nur einen expandierenden Strand in Italien, in der Toskana südlich von Grosseto. Heutige Strände tendieren zur landwärtigen Bewegung. Dies ist nicht so sehr auf einen Anstieg des Meeresspiegels zurückzuführen, der im letzten Jahrhundert lediglich 12 cm betrug, sondern vor allem darauf, dass die Menge der von den Flüssen ins Meer geschwemmten Sedimente heute sehr gering ist, ganz im Gegensatz zu den Mengen an fluvial transportierten Sedimenten in den Jahrhunderten zuvor.

Überstetzt durch Dirk Nolte

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  • Hinweise zu den Abbildungen:
  • Abb. 2: (Modifiziert) www.ostiaantica.beniculturali.it
  • Abb. 3: Bellotti P., Calderoni G., Di Rita F., D'Orefice M., D'Amico C., Esu D., Magri D., Preite Martinez M., Tortora P., Valeri P., 2011, "The Tiber river delta plain (central Italy); Coastal evolution and implications for the ancient Ostia Roman settlement", in the Holcene 2011 21: 1105, originally published online 26 May 2011 DOI: 10.1177/0959683611400464
  • Abb. 6: Modified from Dragone F., Maino A., Malatesta A, & Segre A.G., 1967 - Note illustrative della C.G.I. alla scala 1:100.000. Foglio 149 (Cerveteri). Serv.Geol.d'It., pag. 63
  • Abb. 7: Modified from Bellotti et al. 2011
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